Vatersorgen
Wirtschaft

Homeoffice: Das Experiment in der Arbeitswelt

1945 1960 1980 2000 2020

Homeoffice hat seine Tücken. Es fehlen die informelle Kommunikation im Team sowie das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Zudem werden jene bevorteilt, die ohnehin privilegiert sind. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Homeoffice hat seine Tücken. Es fehlen die informelle Kommunikation im Team sowie das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Zudem werden jene bevorteilt, die ohnehin privilegiert sind. Ein Gastkommentar.

„Homeoffice“ hat nicht schlecht geklungen, als es im März plötzlich hieß, dass alle so arbeiten sollten, deren Beruf es zulässt. Dieses Image hat etwas mit der eher begünstigten gesellschaftlichen Stellung der Büroangestellten zu tun, die dafür infrage kommen. Zudem war es bisher eine durchaus gewünschte Arbeitsform, teils im Büro, teils zu Hause zu arbeiten, doch die Unternehmen und Dienststellen erlaubten das nur einer kleinen, privilegierten Gruppe. Daten zeigen, dass vor den Beschränkungen, die zur Bekämpfung der Covid-19-Krankheit eingeführt wurden, vor allem Personen mit höherer Ausbildung und hohem Einkommen im Homeoffice arbeiteten.

Diese Gruppe unter den Angestellten verfügt oft tatsächlich über ein „Heimbüro“, nämlich einen Arbeitsraum in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus mit entsprechender Möblierung und technischer Ausstattung. Nun war plötzlich eine viel größere Gruppe von Beschäftigten aufgefordert, im Homeoffice zu arbeiten, ob sie tatsächlich ein Heimbüro hatten oder nicht. Da die weniger gut bezahlten Angestellten meist in ungünstigeren Wohnsituationen leben, stellte sie die Einrichtung eines oder gar zweier Arbeitsplätze vor Herausforderungen. Heute wünschte ich zum Beispiel einer jungen Kollegin via E-Mail ein schönes langes Wochenende und drückte meinen Wunsch, es möge ein arbeitsfreies für sie werden, scherzhaft so aus: „Und sperr das Homeoffice gut ab!“ Worauf sie antwortete: „Dann hätte ich aber auch kein Schlafzimmer mehr.“

In der Notlage der Coronavirus-Pandemie waren wohl die meisten bereit, vorübergehend mit dem Laptop auf dem Küchentisch oder im Schlafzimmer zu arbeiten. Wer wäre in der Lage gewesen, darauf zu pochen, dass zuerst passende Arbeitsbedingungen hergestellt werden müssten? Wer hätte sagen können: „Ja, wenn ich eine größere Wohnung bekomme und eine ergonomische Möblierung des Arbeitszimmers, wenn die Internetverbindung einwandfrei funktioniert etc., etc., dann werde ich gerne Homeoffice machen“? Was für die Arbeit im Büro eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre, hätten sich gerade jene mit den schlechteren Karten im Berufsleben in dieser besonderen Situation wohl nicht leisten können.

Hobbytechniker in Sachen IT sind klar im Vorteil

Falls die Firmen und Organisationen die Ausstattung nicht zur Verfügung stellten, war es dem Einzelnen überlassen, sich so gut es geht zu behelfen. Hobbytechniker(innen) in Sachen IT waren hier klar im Vorteil. Die Unternehmen konnten auch deshalb auf die Fähigkeit zur Problemlösung und Selbstorganisation ihrer Angestellten setzen, weil den Arbeitenden schon bisher zunehmend ermöglicht bzw. abverlangt wurde, Herausforderungen im Arbeitsalltag selbsttätig zu bewältigen, anstatt zu fordern, dass wirklich alle Voraussetzungen für erfolgreiches Arbeiten gegeben und immer ausreichende Zeitressourcen vorhanden sind. Homeoffice bedeutete bisher in der Regel auch, dass ein Tag oder zwei pro Woche zu Hause und der Rest der Zeit im Büro gearbeitet wurde.

In Corona-Zeiten betraf das für viele die gesamte Arbeitszeit. Erst dadurch traten viele Grenzen der Arbeit außerhalb des Büros in Erscheinung. Denn eine Ortsunabhängigkeit der Arbeit ergibt sich nicht allein daraus, dass überwiegend am Computer gearbeitet wird. Vielmehr braucht es umfangreiche betriebliche Veränderungsprojekte, mit denen sichergestellt wird, dass tatsächlich alle benötigten Informationen im Informationssystem enthalten sind, dass es keine persönlichen Treffen mit Kolleg(inn)en oder Kund(inn) en braucht, dass informelle Kommunikation nur eine geringe Rolle spielt, dass die technische Vernetzung ausreichend ist und vieles andere mehr.