Digital In Arbeit

"Wir lieben es, angelogen zu werden und werden deshalb betrogen"

1945 1960 1980 2000 2020

Teil II der Serie "Power - Macht, Energie, Zukunft". Der niederländische Kommunikationsexperte Cees Hamelink über die ungeheure Macht der globalen Medienunternehmen und die Manipulierbarkeit der Konsumenten.

1945 1960 1980 2000 2020

Teil II der Serie "Power - Macht, Energie, Zukunft". Der niederländische Kommunikationsexperte Cees Hamelink über die ungeheure Macht der globalen Medienunternehmen und die Manipulierbarkeit der Konsumenten.

Die Produktion und Verbreitung von Information weltweit liegt immer noch in den Händen von einigen wenigen westlichen Medienkonzernen. Sie fabrizieren, was gemeinhin als Realität erkannt wird und das trotz des Aufstiegs des Südens, der Entstehung neuer Kommunikationstechnologien und den offensichtlichen Fehlern des gegenwärtigen Systems, sagt der emerit. Professor für internationale Kommunikation an der Universität Amsterdam, Cees Hamelink. Als einer der führenden Experten in seinem Bereich versucht Hamelink seit den 70er-Jahren für einen ausgewogeneren und faireren Informationsfluss zu werben. Doch die Dispariäten sind gleich geblieben. Ein Interview zur Bestandsaufnahme.

Die Furche: Die Initiative der UN-ESCO für einen breiteren Informationszugang "Many voices, one world" wurde von der US-Regierung blockiert, weil sie glaubte, das Programm würde ihren Einfluss schmälern. Wie wahrscheinlich ist es, dass der Aufstieg einiger Schwellenländer diesen Zugang dennoch ermöglicht -dass also der Informations-Gap zwischen Nord und Süd und damit die ungleiche Machtverteilung verschwindet?

cees hamelink: Das wäre eine tolle Sache, aber ich glaube, wir haben diesen Punkt noch nicht erreicht. Es hängt natürlich auch damit zusammen, wie wir die Macht eigentlich definieren. Im Zusammenhang mit der Kommunikation ist es furchtbar wichtig, eine Unterscheidung zu treffen zwischen Zwangsmaßnahmen, die auf physischen Maßnahmen bestehen, um die Menschen gefügig zu machen, und die Macht des Wortes. Diese Macht lässt die Menschen an etwas glauben und pflanzt ihnen Ideen ein.

Die Furche: Wegen der Omnipräsenz der Medien, ihrer Lukrativität und den wechselseitigen Verbindungen wurde die Information schon als "Öl des 21. Jahrhunderts" bezeichnet. Ihrer Meinung nach kontrolliert der Westen immer noch diesen ultimativen Vermögenswert oder sollte man besser sagen, diese Waffe.

hamelink: Sie müssen bedenken, dass die Macht der Vereinigten Staaten ganz generell, von dem Gebrauch der Medien, von kulturellen Symbolen viel mehr getragen war, als von militärischer Stärke. Haben China, Brasilien und andere die selben Fähigkeiten? Nehmen wir einmal Indien als Beispiel, das eine sehr starke Filmindustrie hat, die mehr Filme produziert als Hollywood. Ist also Indien in der Lage, die Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen, um Menschen in aller Welt zu beeinflussen und sie glauben zu machen, dass sie nicht ohne indische Filme auskommen können? Sicher haben diese kommenden Mächte steigende physische Kraft, aber sie brauchen auch dringend die diskursive Kraft, die sich noch auf sehr wenige Zentren beschränkt. Deshalb glaube ich, es ist zu früh zu sagen, dass die Kluft zwischen Süden und Norden überwunden ist. In Wirklichkeit ist die Kluft nur noch komplizierter geworden.

Die Furche: Schließen Sie da auch die sogenannte "Drittweltisierung" von entwickelten Staaten mit ein?

hamelink: Genau, wir sehen ja, dass alle reichen Industrienationen Teile der Dritten Welt auf ihrem Boden verwirklicht haben. Was meine ich damit: Wir sehen die Ungleichheiten heute nicht nur zwischen Süden und Norden, sondern eigentlich überall. Und genau so verhält es sich, wenn es um den Zugang zu Kommunikationsmitteln geht. Natürlich haben sich die Dinge geändert. Wir haben Smartphones und Internetzugang. Aber ich glaube nicht, dass all das wirklich eine Rolle im internationalen Spiel spielt. Menschen mögen also besser miteinander in Verbindung treten können, aber ich sehe nicht, dass das allein schon zu einem Mehr an Macht führt. Die Furche: Was denken Sie denn

über Projekte und Konzerne wie "Al Jazeera", die eine Alternative zu westlichen Medien darstellen wollen? Ist das nicht auch ein Zeichen dafür, dass sich die Dinge ändern?

hamelink: Das ist absolut richtig. Das einzige Problem ist, dass man nicht nur an die Eigentümer und Provider denken sollte, sondern auch an die Konsumenten. Und auf dieser Seite des Problems, fürchte ich, haben wir immer noch keinen Weg gefunden, ein neues Publikum für solche Inhalte zu schaffen. Ein Publikum, das nicht nur Qualität verlangt, sondern auch die Fähigkeit besitzt, auf Stimmen zu hören, die nicht das sagen, was dem Publikum gefällt. Seien wir doch ehrlich, es ist ziemlich fordernd und auch provozierend, jemandem zuzuhören, der eine ganz andere Perspektive hat und alles auf den Kopf stellt.

Die Furche: Das ist gegen die Qualitäts-Prüfung gerichtet, die unter immer stärkerem kommerziellen Druck steht.

hamelink: Genau. Die Macht der Mainstream-Medien ist immer noch so groß, dass sie die Realität formen können, und zwar in einem Rahmen, den die Menschen glauben verstehen und erkennen zu können. Das ist ungeheuer wichtig, wenn man die Entwicklung der "Soft Power" verstehen möchte, und der diskursiven Macht, die großteils davon abhängig ist, wie das Publikum damit umgeht. Die Spindoktoren und Propagandisten dieser Welt haben eine wesentlich leichtere Aufgabe als jene, die uns die Welt so zeigen möchten, wie sie wirklich ist. Es geht da auch um unser Erziehungssystem. Wir wenden ganz wenig Energie auf, eine Art kreative und kritische Fähigkeit zu schaffen. Wir sind großteils bloße Trainingsinstitutionen, die dem Menschen seine Rolle in unserem politischen und ökonomischen System anlernt.

Die Furche: Dennoch, die noch immer schwelende Wirtschaftskrise, sollte doch einen Nachdenkprozess ermöglichen. Warum passiert immer noch zu wenig?

hamelink: Die Menschen werden angehalten zu glauben, dass unser politisches und ökonomisches System zum Wohle aller funktioniert. Und viele glauben das auch gerne, weil sie in Wirklichkeit unwissend bleiben wollen. Es ist viel einfacher, in einer solchen Unwissenheit zu leben, weil das Leben mit der Erkenntnis doch manchmal ein sehr unbequemes ist. Nehmen Sie die Krise: Für lange Zeit wurden Banker als bescheidene Menschen gesehen. Nun gibt es plötzlich mehr Information und wir müssen feststellen, dass der beste Weg, eine Bank zu berauben, ist, eine zu besitzen. Das war's dann auch. Die Banker stehlen immer noch, sie erhalten immer noch enorme Boni und das System hat sich nicht geändert. Und ganz offensichtlich wurden wir trainiert, das alles zu akzeptieren und das tun wir auch.

Die Furche: Welche Rolle spielen Google und Facebook und die anderen "neuen Medien"?

hamelink: Die Menschen sehen nicht die enormen manipulativen Kräfte, die diese Unternehmen haben. Sie haben die Bedürfnisse von Milliarden Konsumenten gestillt und sie ausgeraubt, sie in die Irre geführt, und das scheint niemanden zu kümmern. Nur manchmal gibt es ein kleineres Problem, wenn Google wieder einmal Daten zu verkaufen scheint, aber solche Stürme legen sich schnell wieder. Und wieder ist das ein Problem der Erziehung, die uns das Falsche tun lässt. Die meisten Menschen sehen nicht die Wichtigkeit der diskursiven Macht. Mehr noch: diese Konzerne haben sich selbst einen tollen Dienst erwiesen, indem sie ihre wahre Natur verschleiert haben und uns glauben machten, dass die wirklich gefährlichen Dinge Nuklearterroristen sind, nicht Informations-Terroristen.

Die Furche: Aber diese Firmen haben auch Instrumente, die neue Formen der Demokratie möglich machen würden.

hamelink: Ich glaube auch, dass wir jetzt durch die sozialen Medien solche Möglichkeiten zur Bildung von Netzwerken haben. Ich versuche eine neue Verlässlichkeit von Informationen durch Netzwerke zu bekommen. Wir mögen verschiedene Quellen haben, oder verschiedene Ideen und in der gemeinsamen Reflexion könnten wir sehen, wohin uns unser Weg führt. Aber wir machen immer noch Fehler. Und wir wollen immer wieder gerne glauben, dass einige Dinge nicht wahr sind. Weil wir es einfach mögen, angelogen zu werden.

Übersetzung aus dem Englischen: Oliver Tanzer

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau