Stifter_zugeschnitten - <strong>Schulinspektor Stifter</strong><br />
Sah auf seinen Inspektionsreisen durch Ober­österreich die vielen Mängel im Schulsystem und regte zu umfassenden Reformen an: der k.k. Schulrat Adalbert Stifter. - © picturedesk.com / Imagno
Bildung

Mit Stifter ins neue Schuljahr

1945 1960 1980 2000 2020

Es muss nicht immer Hesse sein, wenn etwas Neues beginnt. Wie wäre es einmal mit einer Relecture Adalbert Stifters? Warum der als verschroben geltende Dichter zum Thema Schule Wesentliches zu sagen hatte.

1945 1960 1980 2000 2020

Es muss nicht immer Hesse sein, wenn etwas Neues beginnt. Wie wäre es einmal mit einer Relecture Adalbert Stifters? Warum der als verschroben geltende Dichter zum Thema Schule Wesentliches zu sagen hatte.

Hermann Hesse ist in dieser Woche wahrscheinlich der meistzitierte Dichter. Denn ohne den Zauberer aller Anfänge geht es auch zu Schulbeginn nicht. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Dieser Vers aus Hesses Gedicht „Stufen“ geistert im frühen September durch Begrüßungsreden und Zeitungskommentare, und falsch ist er ja auch nicht. Hören kann man ihn halt nicht mehr, weil er leider immer passt, wenn irgendwo irgendwas anfängt: Schule, Ehe, Geburt, Firmengründung, zweite Ehe, Pension – jedem Anfang wohnt halt auch ein Zauber inne. Ja, eh.
Als Alternative zu Hermann Hesse biete ich Adalbert Stifter an. Dieser Mann wird zu Unrecht hoffnungsloser Verschrobenheit verdächtigt. Er hat nicht nur einige gute Erzählungen geschrieben, die für Pädagogen auch heute noch lesenswert sind, er war in seinen Wiener Jahren ein gesuchter Hauslehrer – unter anderem unterrichtete er den Sohn des Fürsten Metternich in Mathematik und Physik – und ab 1850 war er als k.k. Schulrat zuständig für die ober-österreichischen Volksschulen. Im Unterschied zu manchem „Bildungsexperten“ der Gegenwart kannte Stifter die Welt, über die er schrieb.

Zweifellos waren Stifter und seine Frau Amalie, die chronisch unter Geldnot litten, auch aus materiellen Gründen froh über Stifters Beamtengehalt. Unabhängig davon trat er aber sein Amt mit großer Motivation an. Mit Sorge hatte er in Wien das Revolutionsjahr 1848 erlebt und war fest davon überzeugt, dass nur gebildete Staatsbürger mit Freiheit so umgehen können, dass nicht Willkür, Gewalt und Chaos die Folgen sind. Stifter war kein Reaktionär, aber ein vorsichtiger Liberaler. Die Freiheit, die er meinte, muss auf Vernunft gegründet sein, und Vernunft ist erlernbar. Stifter stand da ganz in der Tradition des aufgeklärten Humanismus.

Klage über unfähige Lehrer

Auf seinen Inspektionsreisen durch Ober­österreich sah der k.k. Schulrat Adal­bert Stifter die vielen Mängel des öffentlichen Schulwesens und regte zu umfassenden Reformen an. Manche Schulen waren baulich in katastrophalem Zustand. Die Volksschullehrer waren schlecht besoldet und noch schlechter ausgebildet. „Leider sind im Lehrstande auch Individuen der mittelmäßigsten Art, die auf einen engen Standpunkt befangen, in ihm einen blinden Mechanismus huldigend, umso anmaßender sind, als ihnen die menschlichen Faktoren unbekannt sind, die sie bedürfen. Meist ist ihnen gutes Aufsagen die größte Tugend des Schülers, und das Innehaben eines Lehrbuches ihre größte Kenntnis. Manche sind auf Befehl durch eine konkursartige Prüfung Professoren geworden, und tun die Arbeit ungern. Daher wird sie mechanisch, daher sind sie jeder Neuerung abhold, die ihr bisheriges Tun ändert.“

Stifters Amtsschriften kann man entnehmen, dass er immer wieder die mangelnde Fähigkeit der Lehrer beklagte, ihren Unterricht auf die Perspektive der Kinder einzustellen. „Durch Unfähigkeit der Lehrer, in die Seele ihrer Kinder einzugehen, durch die Unfähigkeit, über den Kreis ihres eingelernten Stoffes hinauszusehen und ihn daher zweckmäßig anzugreifen, und endlich durch die Hartnäckigkeit, von ihrem und nicht von der Kinder Standpunkte zu lehren und den Schülern unverstandene Formeln zu geben, ist schon sehr viel an Zeit, Lernfähigkeit und Erfolg zugrunde gerichtet worden.“ Daher sei es auch kein Wunder, wenn der Lehrer in Romanen und Theaterstücken aller Völker als lächerliche Figur dargestellt werde.

Hermann Hesse ist in dieser Woche wahrscheinlich der meistzitierte Dichter. Denn ohne den Zauberer aller Anfänge geht es auch zu Schulbeginn nicht. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Dieser Vers aus Hesses Gedicht „Stufen“ geistert im frühen September durch Begrüßungsreden und Zeitungskommentare, und falsch ist er ja auch nicht. Hören kann man ihn halt nicht mehr, weil er leider immer passt, wenn irgendwo irgendwas anfängt: Schule, Ehe, Geburt, Firmengründung, zweite Ehe, Pension – jedem Anfang wohnt halt auch ein Zauber inne. Ja, eh.
Als Alternative zu Hermann Hesse biete ich Adalbert Stifter an. Dieser Mann wird zu Unrecht hoffnungsloser Verschrobenheit verdächtigt. Er hat nicht nur einige gute Erzählungen geschrieben, die für Pädagogen auch heute noch lesenswert sind, er war in seinen Wiener Jahren ein gesuchter Hauslehrer – unter anderem unterrichtete er den Sohn des Fürsten Metternich in Mathematik und Physik – und ab 1850 war er als k.k. Schulrat zuständig für die ober-österreichischen Volksschulen. Im Unterschied zu manchem „Bildungsexperten“ der Gegenwart kannte Stifter die Welt, über die er schrieb.

Zweifellos waren Stifter und seine Frau Amalie, die chronisch unter Geldnot litten, auch aus materiellen Gründen froh über Stifters Beamtengehalt. Unabhängig davon trat er aber sein Amt mit großer Motivation an. Mit Sorge hatte er in Wien das Revolutionsjahr 1848 erlebt und war fest davon überzeugt, dass nur gebildete Staatsbürger mit Freiheit so umgehen können, dass nicht Willkür, Gewalt und Chaos die Folgen sind. Stifter war kein Reaktionär, aber ein vorsichtiger Liberaler. Die Freiheit, die er meinte, muss auf Vernunft gegründet sein, und Vernunft ist erlernbar. Stifter stand da ganz in der Tradition des aufgeklärten Humanismus.

Klage über unfähige Lehrer

Auf seinen Inspektionsreisen durch Ober­österreich sah der k.k. Schulrat Adal­bert Stifter die vielen Mängel des öffentlichen Schulwesens und regte zu umfassenden Reformen an. Manche Schulen waren baulich in katastrophalem Zustand. Die Volksschullehrer waren schlecht besoldet und noch schlechter ausgebildet. „Leider sind im Lehrstande auch Individuen der mittelmäßigsten Art, die auf einen engen Standpunkt befangen, in ihm einen blinden Mechanismus huldigend, umso anmaßender sind, als ihnen die menschlichen Faktoren unbekannt sind, die sie bedürfen. Meist ist ihnen gutes Aufsagen die größte Tugend des Schülers, und das Innehaben eines Lehrbuches ihre größte Kenntnis. Manche sind auf Befehl durch eine konkursartige Prüfung Professoren geworden, und tun die Arbeit ungern. Daher wird sie mechanisch, daher sind sie jeder Neuerung abhold, die ihr bisheriges Tun ändert.“

Stifters Amtsschriften kann man entnehmen, dass er immer wieder die mangelnde Fähigkeit der Lehrer beklagte, ihren Unterricht auf die Perspektive der Kinder einzustellen. „Durch Unfähigkeit der Lehrer, in die Seele ihrer Kinder einzugehen, durch die Unfähigkeit, über den Kreis ihres eingelernten Stoffes hinauszusehen und ihn daher zweckmäßig anzugreifen, und endlich durch die Hartnäckigkeit, von ihrem und nicht von der Kinder Standpunkte zu lehren und den Schülern unverstandene Formeln zu geben, ist schon sehr viel an Zeit, Lernfähigkeit und Erfolg zugrunde gerichtet worden.“ Daher sei es auch kein Wunder, wenn der Lehrer in Romanen und Theaterstücken aller Völker als lächerliche Figur dargestellt werde.

Für den Lehrberuf am besten geeignet sind nach Stifter ,weise, einfache, würdige, von jeder
Leidenschaft entfernte Männer‘.

Die Lehrerpersönlichkeit, so Stifter, sei der Schlüssel zum gelungenen Unterricht. Um zu lehren und zu erziehen, müsse man nicht nur etwas wissen, sondern auch etwas sein. Die berühmte Hattie-Studie aus dem Jahr 2009 kam 150 Jahre nach Stifter zu einem ähnlichen Ergebnis. Nicht das „System“, nicht die Klassenschülerzahl, auch nicht die Infrastruktur sind entscheidend, entscheidend ist der Mensch.

Positive Beispiele pädagogischen Handelns findet man auch in literarischen Werken Adalbert Stifters. Dass es fast immer ältere Männer sind, die sich auf diesem Feld bewähren, ist aus heutiger, genderkritischer Sicht gewiss angreifbar. Weibliche Lehrkräfte befürwortete Stifter nur für die hauswirtschaftlichen Fächer. In dieser Hinsicht folgte er stramm den patriarchalischen Rollenmustern seiner Zeit.

Für den Lehrberuf am besten geeignet, meinte Stifter, seien „[…] weise, einfache, würdige, von jeder Leidenschaft und Unregelmäßigkeit entfernte Männer“. Der Freiherr von Risach im Roman „Der Nachsommer“ ist solch eine vorbildhafte Erzieherfigur, aber die pädagogische Situation, die Stifter in seinem Bildungsroman konstruiert, ist allzu künstlich. Der stets artige Knabe Gustav, der dem Freiherrn als Zögling anvertraut wird, hat wenig Ähnlichkeit mit „realen“ Kindern. Pubertätsnöte und Konflikte bleiben aus dieser utopischen Romanwelt ausgesperrt, und dass Gustav auf dem Asperhof des Freiherrn keinen Kontakt mit Gleichaltrigen hat, wirkt geradezu beklemmend.

„Der Nachsommer“ enthält zwar kluge Sätze über Bildung, aber für die pädagogische Praxis sind Erzählungen wie „Granit“ und „Der Waldbrunnen“ erhellender. In „Granit“ sitzt ein kleiner Bub gerade vor dem Elternhaus, als der Mann ins Dorf kommt, der die Bauern mit Wagenschmiere versorgt. Nicht bösartig, aber gedankenlos erlaubt sich der Mann einen dummen Scherz. Er streicht die Füße des Kindes mit Wagenschmiere an. Der Kleine weiß das Geschehene nicht recht einzuordnen und latscht mit dem Schmieröl auf den Füßen in Mutters gute Stube hinein, wo gerade Putztag gehalten wird.
Die Mutter rastet aus, schreit das Kind an, schlägt mit Zweigen auf seine Beine ein und lässt es allein im Flur stehen. Adalbert Stifter beschreibt den Seelenzustand des kleinen Buben, der er vielleicht selbst war, folgendermaßen: „Ich war […] über diese fürchterliche Wendung der Dinge, und weil ich mit meiner teuersten Verwandten dieser Erde in dieses Zerwürfnis geraten war, gleichsam vernichtet. […] Ich konnte nicht einmal weinen, das Herz war mir gepreßt, und die Kehle wie mit Schnüren zugeschnürt.“ Da kommt der Großvater, erkennt die Situation und wendet sich dem Knaben zu, der erst jetzt – beim Anblick von Opas „gütigen und wohlmeinenden Augen“ – heftig zu schluchzen beginnt. Der Großvater reinigt die Beine des Enkels und nimmt ihn zu einer kleinen Wanderung mit. Er spricht mit dem Kind über die Gegend, die Natur, erzählt ihm eine historische Geschichte – und alles wird wieder gut.

Erziehung gelingt nicht immer

Der Gutsbesitzer Stephan Heilkun, die Hauptfigur in Stifters Erzählung „Der Waldbrunnen“, hört vom Dorfschullehrer, er scheitere an der „Rohheit und Bosheit“ einer Schülerin. Heute würden wir von einem verhaltensauffälligen Mädchen sprechen. Je mehr Druck vom Lehrer kommt, umso konsequenter verweigert es die Kooperation. Heilkun übernimmt nun Teile des Unterrichts und macht genau das Gegenteil. Er lässt das Mädchen in Ruhe, setzt auf Zeit und Neugier und beschränkt sich auf Lernangebote für alle Schüler. Damit lockt er das durchaus begabte Mädchen eines Tages aus der Reserve. Erziehung (im Sinne sanfter Sozialisation) gelingt – zumindest in diesem Fall.

In der Erzählung „Katzensilber“ begegnet man einem ähnlich „wilden“ Mädchen, das einige Zeit bei einer Familie lebt, dort ohne Zwang heranwachsen kann, aber das Kultivierungsangebot nur vorübergehend und in Teilbereichen annimmt. Eines Tages verschwindet es. Erziehung führt nicht immer zum erwünschten Ergebnis. Das ist nicht zu vermeiden, denn der Mensch ist kein programmierbarer Roboter, sondern ein Wesen mit Entscheidungsfreiheit. Und das ist grundsätzlich gut so, auch wenn es nicht immer zum Guten führt.

Der Autor war Gymnasialdirektor und ist Literaturkritiker sowie Lehrbeauftragter für Literaturwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz