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Digital In Arbeit

Ohne Fleiß viel Preis. Ein Lob der Faulheit

Von einem Philosophen stammt das Sprichwort, Arbeit mache das Leben süß, bestimmt nicht. Die antiken Philosophen haben meistens gerade deswegen philosophiert, weil sie entweder nichts zu arbeiten hatten oder wenigstens nicht arbeiten mußten, und so hat in ihren Philosophien auch alles andere, nur nicht die Arbeit, eine tragende Rolle gespielt.

Einer ist als Repräsentant des Prae-dandyismus die meiste Zeit vor seiner Tonne gehockt und hat alle schattenwerfenden Imperatoren zwischen sich und der Sonne verabscheut. Ein anderer verneinte rigoros jegliche Existenz, vielleicht mit Ausnahme derGoldbü-ste, die er von sich hatte anfertigen lassen. Ein dritter ließ sich seinen täppischen Gang patentieren. Wieder einer lief Zeit seines Lebens mit einer Schlafmütze herum und verscheuchte ehewilliges Weibsvolk von seinem Elfenbeinturm. Beschlich ihn Fadesse, kritisierte er ein bißchen. Alle haben gefragt und darüber nachgedacht, woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen oder was wir hoffen dürfen; wie und was und warum wir roboten sollen, hat keiner gesagt, das Wesen der Arbeit hat uns keiner erklärt, diese profane Scheußlichkeit hat man aus einer gewissen Berufseitelkeit heraus den Physikern überlassen.

Arbeit sei Kraft mal Weg, lehren die. Leistung wiederum Kraft mal Weg durch Zeit. Zieht man nun von der Leistung die Arbeit ab, so bleibt nur die Zeit übrig, allerdings mit negativem Vorzeichen. Mit diesem negativen Vorzeichen zu leben, haben die Philosophen sich abfinden müssen. Aber nur, wer viel Zeit und Muße hat, kann in aller Ruhe darüber nachdenken, warum es so schön ist, leichtfertig auf Fleiß und Preis zu verzichten. Eventuell von Weintrauben, Oliven und Schafskäse unterstützt.

So erscheint die Geschichte der Philosophie heute im Grunde als Geschichte träger Erhabenheit, die sich vortrefflich zwischen Sofa und Divan zugetragen und abgespielt hat. Erst mit Karl Marx, der nach eigenen Angaben Hegel vom Kopf auf die Füße stellen wollte und damit die Philosophie auf den Kopf gestellt hat, ist das ein wenig anders geworden. Während Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der große Ingenieur der Dialektik, noch über das Wahre philosophiert hatte, philosophierte Karl Marx über die Ware. Insofern präsentiert sich der Fortschritt vom Idealismus zum Sozialismus als Verlust eines stummen Hs.

Meine bürgerlichen Eltern haben mich schon frühzeitig und wohl unbeabsichtigt ein recht schizophrenes Verhältnis zur Arbeit gelehrt. Kaum waren sie abends aus ihrem Geschäft heimgekommen, jammerten sie jedesmal, daß ihr ganzes Leben bloß aus Arbeit bestünde. Diese Arbeit hätten sie schon mehr als satt, von früh bis spät hetze man sie gnadenlos von einer dringenden Erledigung in die andere, Füße und Beine schmerzten entsetzlich, vor lauter Arbeit wüßten sie gar nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Ihrem Klagen und Gezeter entnahm ich damals, daß nur in der völligen Arbeitslosigkeit das Paradies zu suchen - und zu finden sei.

Doch welch ein Irrtum: Sobald sie nämlich mit dem Verfluchen der Arbeit fertig waren, verfluchten und verdammten sie die Arbeitslosen und die Arbeitslosigkeit. Sozialschmarotzer, Faulpelze, träges Pack, miese Bagage! Taugenichtse! Strolche, die dem Herrgott den Tag stehlen! So ein Gesindel! Beim bloßen Gedanken an die Tachinierer waren meine Eltern plötzlich wieder heilfroh, Arbeit zu haben und diese hassen zu dürfen, und daß sie vom lieben Gott nicht in Versuchung geführt worden sind, der Todsünde der Trägheit zu erliegen.

Der Klerus hat übrigens Arbeit früher einmal als Strafe für Sünden interpretiert, als Buße, die dem sündigen Menschen zur Läuterung und Kathar-

Der Klerus hat Arbeit früher einmal als Strafe für Sünden interpretiert, die dem sündigen Menschen sis auferlegt war. Diejenigen, die arbeiten mußten, waren wohl von Gott zur Arbeit verdammt, auch die Angestellten haben ganz bestimmt etwas angestellt. Da also nach christlichem Glauben vorhergehende Sündhaftigkeit der eigentliche Treibstoff der Arbeit war, da wohl kein einziger von denen, die frei von Sünden waren, einen Stein in die Hand genommen oder gar geworfen hätte, muß sich die Kirche die boshafte Unterstellung gefallen lassen, daß sie selbst von lauter Sündern und Verbrechern errichtet worden ist. Ein Gotteslästerer, der sein tägliches Brot ausgerechnet beim Kirchenbau verdient, gibt so auch ein Beispiel für „entfremdete Arbeit”.

Erst das Unheil hat das Heil und die Heiligenstatuen fabriziert. Aber die Zeiten haben sich seit dem frühen Mittelalter freilich geändert. Heute, wo es genügend Kirchen, schon mehr Pfarren als Pfarrer und viel zu viele Femsehpriester gibt, genügen auch zwei „Vater Unser” und ein „Gegrüßet seist du, Maria” zur Tilgung der gröbsten Kavaliersdelikte. Früher hat man für das Reich Gottes in die Hände gespuckt, heute faltet man sie, es muß keiner mehr mit der Kirche ums Kreuz laufen, um in den Himmel zu kommen. Ora! statt labora! schallt es heute durch das Beichtstuhlgitter. Wenn das der heilige Benedikt wüßte!

Apropos! Es gibt mir zu denken, daß das lateinische Verb laborare „arbeiten”, gleichzeitig aber „leiden”, in der heute modernen Ausdrucksweise also „laborieren” bedeutet. So entsteht der Eindruck, daß Arbeit Leid erzeugt, Mühsal, Plage, Not und Bitterkeit. Bei all ihrer Dekadenz hatten die alten Römer in dieser Angelegenheit nichts zu beschönigen. Die lateinische Doppelbedeutung taugt recht gut dafür, den Masochismus der Tüchtigen zur Schau zu stellen.

Den Tüchtigen gehört die Welt, heißt es heute zwar so verlockend, aber mir liegt nicht viel an einem solchen Besitz. Ich halte gerade die Untüchtigkeit für ein ganz gewichtiges Argument, nur ja kein Stückchen Welt zu bekommen und mich auf die Seite der Besitzlosen stellen zu dürfen. Sollen sich die anderen um die Beute raufen, ich für meinen Teil trete von der Erbschaft zurück, ich gebe mich bescheiden, ich verzichte.

Wie handelt man, wenn man sich sui generis der befremdenden Arbeit entfremdet hat? Zu diesbezüglichen Grundtugenden zählen, des Treibens müde zu sein, Gelassenheit in jeder Lebenslage zur Schau zu stellen, „Gesagt, getan” sagen, aber dann doch nichts tun. Nicht argem, nicht wundem. Lieber verlassen werden als verlassen (entscheiden tut weh). Den Dingen ihren Lauf lassen, aber um Gottes Willen nicht selbst laufen, immer ein bißchen über den Dingen stehen und dort stehen bleiben, sich aber bei allem vor allem Zeit lassen. Eine Gelegenheit auszulassen kann ich wärmstens empfehlen, wer will sich denn die besten Möglichkeiten leichtfertig durch ihre Verwirklichung verderben (siehe auch Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften”).

Wie köstlich, ab und zu vor dem offenen Kamin ein paar Überlegungen über Langeweile anzustellen, aber dann doch mit Resultaten zu geizen: Die Finesse der Fadesse. Das, was man morgen besorgen kann, um alles in der Welt auch wirklich erst morgen besorgen, morgen ist auch noch ein Tag, man muß an später denken. Man soll sich, phantastisch bestückt, alles und jedes vorstellen, nur das eine nicht, daß nämlich das, was man sich vorstellt, jemals Wirklichkeit werden könnte, und so verliert man sich allmählich in eine üppige Lethargie. Oh himmlisches Unverstandensein! Phanta rei, alles fließt, wenn es der Schweiß nicht tut.

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