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Herzstück des Glaubens

„Wir müssen ... Jesu Auferstehung ... deuten als die Endgültigkeit dieses Menschen und seiner konkreten Geschichte vor Gott und bei ihm. Von der Sache her und nicht nur auf Grund der biblischen Uberlieferung ist darum die Aussage ,Er lebt in der Herrlichkeit Gottes' ursprünglicher und grundlegender als die Einzelberichte über Visionen und Erscheinungen des Auferstande-nen.

Diese zwei sehr verdichtenden Sätze Karl Rahners aus seinen Vorlesungen (veröffentlicht in „Schriften zur Theologie", XII.347) müssen allerdings in einem Kontext gehört werden:

Etwa, daß der Mensch im Maße eines Lebens aus verantwortlicher Freiheit eine transzendental notwendige Hoffnung auf eine Endgültigkeit seiner Freiheitsgeschichte in sich trägt, die Hoffnung auf „Auferstehung" (auch ohne dieses ausdrückliche Wort) in sich schließt. Aber auch, daß Jesu Auferstehung Besiegelung und deshalb in einem bestimmten Sinn auch gnadenhafte Ermöglichung einer Hoffnung des Bleibens der Lebensgeschichte menschlicher Freiheit „in Gott" ist - einer Hoffnung, die dem entfalteten menschlichen Bewußtsein schon von einem Schöpfungsentwurf gegeben ist, der im Rückblick niemals mehr von der Heils- und Unheüsgeschichte geschieden werden kann.

Freilich ist zu erfahren, daß wir einerseits immer bewußter und nachdenklicher leben, daß wir vielleicht deshalb immer radikaler ein Vergehen des „Weh" und immer radikaler eine Ewigkeit der „Lust" (vgl. Nietzsche) ersehnen, andererseits aber auch die Bedrohung durch ein mögliches endgültiges Nein als Schlußpunkt am Ende aller unserer Wunschsätze immer deutlicher ins Bewußtsein tritt.

Lust und Leid haben sich immer gereimt und haben einander bedingt, und die erstaunliche seelische Widerstandsfähigkeit einer entbehrungsreichen und einander tödlich bekämpfenden Mensch- ' heit ist am besten in dem oft zitierten Schlußvers eines Gesanges aus Schillers „Wallensteins Lager" aufgehoben: „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!" Eine Leibstrophe aller Nostalgi-ker eines tödlichen Lebens.

Unwissend, was es heißt, zum Augenblick zu sagen: „Verweile doch, du bist so schön", können sie ihre Lebenslust nur aus der Konfrontation mit dem Tod beziehen, allerdings nur rückblickend: „Wir sind noch einmal davongekommen."

Das Glaubensbekenntnis der Christen, dessen Herzstück das Bekenntnis der Auferstehung Jesu ist, wird umklammert und gehalten von zwei Sätzen: ,J.ch glaube an Gott, den allmächtigen Vater", und: „Ich glaube an ein ewiges Leben".

Die wahrnehmbare Gestalt des Credos und der Liturgie könnte sehr gut einfach einem gesteigerten Lebensgefühl des Gemeinschaftserlebnisses und der Lebenssteigerung des Frühjahres entsprechen. Welche „Erfahrung" entspricht denn dem Bekenntnis Gottes als Bekenntnis des Unendlichen und Unbegreiflichen und doch als „Du", als Person und als Ausblick auf ewiges Leben?

Ist es nicht die Erfahrung dessen, daß der Mensch (ich, und deshalb jeder) leib-seelische Person ist, der sich, die Welt und die Menschen in einer unaufhebbaren Spannung von Zusammen und Auseinander erlebt? Ist es nicht die Erfahrung einer unerhörten Verlorenheit des Menschen in der Unermeßlichkeit des Kosmos, der Bedrohtheit des Bewußtseins von dessen eigenem Denkenkönnen eines unwiderruflichen Auslöschens?

Lebt nicht die tägliche Lebensfähigkeit des Menschen davon, noch nicht oder nicht mehr er selbst, „ich", zu sein, so daß er so wenig wurzelhaft und personal „Egoist" sein kann wie .Altruist"? Nie hat die Kirche beten gelehrt: „Wir glauben", immer nur „Ich glaube".

Wann aber ist Mensch- und Welt-Erfahrung des Menschen seine eigene geworden? Wann Erkenntnis wirklich seine eigene, wann ist sein Ausgriff zu ihm selbst gekommen, wo jene Grenze liegt, da Gott in ihm ist, „innerlicher als sein Innerstes" (Augustinus)? Es muß eine furchtbare, alles erschütternde Grenze sein, am Ende einer ökonomisch-gesellschaftlichen Entwicklung.

Bert Brecht schreibt als junger Mensch: „Wenn die Irrtümer verbraucht sind, sitzt als letzter Gesellschafter uns das Nichts gegenüber" („Der Nachgeborene").

„Irrtümer", die nur ein „Nachgeborener" als solche erkennen kann, sind nicht alltägliche, die sich von alltäglichen „Richtigkeiten" unterscheiden. Es sind die Irrtümer, welche Geschichte der Völker ermöglicht haben: die Uberzeugungen von gestern.

Uberzeugungen, für die man getötet hat, für die man auf die Barrikaden gestiegen ist, für die man raffgierig und gewalttätig geworden ist, für die man guten Gewissens einseitig war und voller Vorurteile. Für die man die Liebe verletzt hat und Menschen gedemütigt und verdächtigt, für die man sich selbst und andere aufgerieben und gemartert hat, für die

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man Streit vom Zaun gebrochen und Feinde geschaffen hat, ohne die man ja nie wußte, wer man selber war, über allem die Uberzeugung von der eigenen Wahrheit und Gerechtigkeit.

Der Verbrauch der Irrtümer ist abgeschlossen, wenn der Mensch zu sich selbst gekommen ist, vom „man" zum „Ich". Das ist der Nachgeborene. Aber warum meint Brecht, daß uns dann das Nichts gegenübersitzen muß, sozusagen als Naturnotwendigkeit? Kann nicht erst dem „Ich" ein „Du" gegenüber sein? Kann nicht erst „Ich" begreifen, was gemeint ist mit dem Wort: „Büd und Gleichnis Gottes"? Zum Du ja sagen, wie ich mich selbst erkannt und bejaht habe? Freilich dann auch: die Betroffenheit von dieser überraschenden, ungeheuren Evolution, dann erst die Angst vor dem Tode, aber nicht als biologische Notwendigkeit, als Trick des Naturlebens, sondern als das große metaphysische Entsetzen, Tod als Auslöschung des Menschen, des Ich und des Du.

Karfreitag gehört nicht zur biologischen Natur, wie auch das Person-Sein nicht. Auferstehung aber, was sie meint und was es heißt, an sie zu glauben, sie zu bekennen, die Auferstehung Christi und damit auch unser selbst, wird nur aus diesem Entsetzen verstehbar.

Ludwig Wittgenstein notiert 1937: „Man kann vielleicht sagen: Nur die Liebe kann die Auferstehung glauben. Oder: Es ist die Liebe, was die Auferstehung glaubt." Das gilt wohl auch für das Begreifen des Todes, des Karfreitags.

„Verständig" vom Ostermyste-rium, von Auferstehung zu reden, „verständig" zu glauben, zu feiern und zu leben, heißt wohl vorher für sich die Irrtümer verbraucht haben in einer Welt, in welcher der Vorrat an Irrtümern schier unerschöpflich ist (Irrtümer: s. oben).

Für sich verbraucht haben, aber auch als Glaubender und Hoffender in der Kirche, deren durch keine noch so großen Irrtümer verbrauchter Anfang das Mysterium des Karfreitags und des Ostermorgens ist. Ein unverbrauchter Anfang als Grund von Glaube und Hoffnung, daß der Menschen Tun und Leiden aus Liebe während einer unermeßlichen, rätselvollen Geschichte bewahrt ist und lebt „in der Herrlichkeit Gottes".

DasGericht über die so furchtbaren „Irrtümer" und die vertane Freiheit müssen wir jener Wahrheit Gottes anheimstellen, die auch Barmherzigkeit ist.

Der Verfasser ist Direktor des Schulamtes der Diözese Klagenfurt.

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