Kurt Schubert - Kurt Schubert (1923–2007), Beiname „Moses“, am 7. November 2005 im Karl von Vogelsang-Institut. - © Vogelsang-Institut

Zum Tod von Kurt Schubert: Ein Christ als Pionier und Doyen der Judaistik

1945 1960 1980 2000 2020

Noch in der Konspiration antinazistischer katholischer Studenten mitten im Krieg musste er Aussagen hören wie: "Dass der liebe Gott ausgerechnet die Juden erwählt hätte ... !" Ein Zeitzeugengespräch mit dem am 4. Februar verstorbenen Kurt Schubert über Widerstand im Dritten Reich, die Eröffnung der Universität Wien 1945, das II. Vatikanum und Grenzgänge zwischen Christentum und Judentum.

1945 1960 1980 2000 2020

Noch in der Konspiration antinazistischer katholischer Studenten mitten im Krieg musste er Aussagen hören wie: "Dass der liebe Gott ausgerechnet die Juden erwählt hätte ... !" Ein Zeitzeugengespräch mit dem am 4. Februar verstorbenen Kurt Schubert über Widerstand im Dritten Reich, die Eröffnung der Universität Wien 1945, das II. Vatikanum und Grenzgänge zwischen Christentum und Judentum.

Letzten Donnerstag wurde Kurt Schubert, Pionier und Doyen der Judaistik, in Wien zu Grabe getragen. Sein "selbstverständliches Christsein" und seine ebenso "selbstverständliche Liebe zum Judentum" sei vergleichbar mit "zwei Zahnrädern, die ineinander greifen und einander bewegen": So würdigte Bischof Helmut Krätzl den Verstorbenen. Kurt Schubert war darüber hinaus ein Pionier des (geistigen) Wiederaufbaus in Österreich. Im November 2005 erzählte er davon bei einem "Zeitzeugengespräch" des Karl von Vogelsang-Instituts zur Erforschung der Geschichte der christlichen Demokratie in Österreich. Dieser Tage erscheint dessen Jahrbuch "Demokratie und Geschichte", in dem das vom Geschäftsführer des Instituts, Helmut Wohnout, geführte Gespräch nachzulesen ist. Die FURCHE dokumentiert markante Passagen daraus:

"Konspiration" 1942

Helmut Wohnout: Nach dem "Anschluss" entwickelten Sie auch Ihre kompromisslose Haltung gegenüber jeder Form von Antisemitismus.
Kurt Schubert: Ich schuf um mich ein antinazistisches Ghetto, denn auch alle meine Freunde waren Antinazis. So fand ich im Wintersemester 1942/43, nach meiner Luftschutzausbildung in Nürnberg, zum Kreis von Dr. Karl Strobl. In diesem Kreis fühlte ich mich sofort zu Hause. Dort gab es keinen einzigen Nazi, nicht einen! Wir waren sozusagen alle auf gleicher Linie, und diese Grundeinstellung führte natürlich dazu, dass ich der Meinung war, dass wir auch etwas für die Juden tun, uns mit dem verfolgten Judentum solidarisieren müssten.

Ich erinnere mich noch, als ich zu Karl Strobl sagte: "Herr Doktor, die Juden sind das erwählte Volk Gottes." Zuerst saß er nur da - dass der liebe Gott ausgerechnet die Juden erwählt hätte! -, dann stand er auf und gab mir aus seiner Bibliothek das Buch "Die Kirche aus Juden und Heiden" von Erik Peterson, das 1933 in Salzburg als Antwort der Salzburger Hochschulwochen auf die Machtergreifung Hitlers in Deutschland erschienen war. Einer der Referenten bei dieser Veranstaltung, Erik Peterson, war ein Deutscher. […]

Letzten Donnerstag wurde Kurt Schubert, Pionier und Doyen der Judaistik, in Wien zu Grabe getragen. Sein "selbstverständliches Christsein" und seine ebenso "selbstverständliche Liebe zum Judentum" sei vergleichbar mit "zwei Zahnrädern, die ineinander greifen und einander bewegen": So würdigte Bischof Helmut Krätzl den Verstorbenen. Kurt Schubert war darüber hinaus ein Pionier des (geistigen) Wiederaufbaus in Österreich. Im November 2005 erzählte er davon bei einem "Zeitzeugengespräch" des Karl von Vogelsang-Instituts zur Erforschung der Geschichte der christlichen Demokratie in Österreich. Dieser Tage erscheint dessen Jahrbuch "Demokratie und Geschichte", in dem das vom Geschäftsführer des Instituts, Helmut Wohnout, geführte Gespräch nachzulesen ist. Die FURCHE dokumentiert markante Passagen daraus:

"Konspiration" 1942

Helmut Wohnout: Nach dem "Anschluss" entwickelten Sie auch Ihre kompromisslose Haltung gegenüber jeder Form von Antisemitismus.
Kurt Schubert: Ich schuf um mich ein antinazistisches Ghetto, denn auch alle meine Freunde waren Antinazis. So fand ich im Wintersemester 1942/43, nach meiner Luftschutzausbildung in Nürnberg, zum Kreis von Dr. Karl Strobl. In diesem Kreis fühlte ich mich sofort zu Hause. Dort gab es keinen einzigen Nazi, nicht einen! Wir waren sozusagen alle auf gleicher Linie, und diese Grundeinstellung führte natürlich dazu, dass ich der Meinung war, dass wir auch etwas für die Juden tun, uns mit dem verfolgten Judentum solidarisieren müssten.

Ich erinnere mich noch, als ich zu Karl Strobl sagte: "Herr Doktor, die Juden sind das erwählte Volk Gottes." Zuerst saß er nur da - dass der liebe Gott ausgerechnet die Juden erwählt hätte! -, dann stand er auf und gab mir aus seiner Bibliothek das Buch "Die Kirche aus Juden und Heiden" von Erik Peterson, das 1933 in Salzburg als Antwort der Salzburger Hochschulwochen auf die Machtergreifung Hitlers in Deutschland erschienen war. Einer der Referenten bei dieser Veranstaltung, Erik Peterson, war ein Deutscher. […]

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Helmut Wohnout: Sie haben bereits erwähnt, dass Sie 1942 zur Hochschulgemeinde von Monsignore Dr. Karl Strobl stießen. Das war zwar keine politische Gemeinschaft, gab aber allen, die gegen das NS-Regime waren, die Möglichkeit des offenen Wortes und des geschärften Denkens. […]
Schubert: Eigentlich erfuhr ich nur durch Zufall davon, dass es sie gab. Ich wollte Hebräisch lernen, und da gab es an der Universität drei Möglichkeiten: die zwei theologischen Fakultäten … und die orientalische Altertumswissenschaft und altsemitische Philologie. Da ich an der philosophischen Fakultät studierte, war nur ein Studium, das der altsemitischen Philologie, möglich. Allerdings musste ich eine assyrologische Dissertation schreiben, wollte ich die Arbeit nicht nach der damaligen Ideologie ausrichten. Aber die Sprache konnte ich lernen.

Ich besuchte alle Vorlesungen zum Alten Testament und bemerkte, dass im Nachbarhörsaal, in dem Prof. Michael Pfliegler Moraltheologie las, sehr viele junge Studenten, alle weder Priester noch Geistliche, anwesend waren. Ich wollte wissen, wer sie waren und fragte sie, und sie sagten mir, sie kämen vom Strobl. "Und wo ist er?" "In der Peterskirche", lautete ihre Antwort, und so ging ich mit meinen Freunden auch dorthin. Zweimal pro Woche gab es eine gemeinsame Eucharistiefeier …, aber am wichtigsten waren für uns die Vorträge zu religionsgeschichtlich und theologisch relevanten Themen. […]

Wir durften uns dazu nur in einem liturgischen Raum treffen, deshalb versammelten wir uns in der Sakristei der Peterskirche. Dort saßen wir, eng zusammengerückt, und hielten auch selbst Vorträge. Ich sprach zum Beispiel über das jüdische Verständnis der Bibel, des Alten Testaments, woraufhin ich bei einem Ausflug von Kollegen der katholischen Studentenseelsorge - so hieß die Hochschulgemeinde nämlich im Krieg - am Wassergspreng den Beinamen "Moses" erhielt, der mir in der Folge auch blieb. […]

Uni-Wiederöffnung 1945

Helmut Wohnout: Sobald die Deutschen abgezogen waren, setzten Sie es sich zum Ziel, die Universität so rasch wie möglich wieder funktionsfähig zu machen.
Schubert: […] Am 12. April ging ich zuerst ins Palais Auersperg, dem Sitz der Widerstandsbewegung, um dort den russischen Stempel auf meine rot-weiß-rote Armbinde zu bekommen, und anschließend zu General Alexej Blagodatov. Ich sah in ihm keinen Feind, sondern einen Verbündeten, der dasselbe wollte wie ich: Österreich von den Nazis befreien. Ich wurde sofort in sein Büro vorgelassen, wo Blagodatov mit einer Dolmetscherin saß.

Ich bat ihn: "Herr General, ich möchte Sie bitten, mir die Erlaubnis zu geben, die Universität wieder zu eröffnen." Er antwortete mit einer Gegenfrage und heute weiß ich, dass das ein Test war: "Warum tragen Sie den weißen Streifen auf der roten Armbinde? Es genügt doch eine rote Armbinde!" Als ich ihm antwortete: "Für den weißen Streifen haben wir gegen Hitler gekämpft und sind bereit, weiter zu kämpfen", stand er auf, drückte mir beide Hände - und ich bekam für die Universität, was ich wollte, inklusive aller Vollmachten. Was ich in dieser Angelegenheit beschloss, dem stimmte er zu.

Helmut Wohnout: Wie sahen Ihre ersten Schritte konkret aus?
Schubert: Da in der Universität sowjetisches Militär war, auch ein Lazarett, wurde ich zunächst zum Kommandanten des I. Bezirks geschickt. Ich musste dort zirka 20 Minuten warten … Schließlich sprach mich ein russischer Offizier in fließendem Deutsch an. Als ich ihn fragte, wo er das gelernt hätte, meinte er nur: "In einem Lager - Militärausbildung."

De facto hatte ich durch die Zusammenarbeit mit meinen Lehrern, von denen ich das moderne Hebräisch gelernt hatte, ab Herbst 1945 Kontakt zu jüdischen gelehrten Rabbinern, die Auschwitz überlebt oder als Flüchtlinge durchgekommen waren. Mit ihnen kooperierte ich, und sie alle akzeptierten mein Christentum völlig.

Kurt Schubert

Ich bat ihn, mich auf die Universität zu begleiten, um zu sehen, ob wir sie am 15. April übernehmen könnten. Für diesen Sonntag wollte ich eine Professorenversammlung einberufen und die Universität wieder eröffnen. Der Offizier stimmte zu, meinte dann aber, er könnte mir auch eine Führung geben, denn "wissen Sie, ich schreibe an der Universität Leningrad eine Dissertation über die Wiener Ringstraßenbauten". Etwas Besseres hätte ich mir in dem Augenblick wirklich nicht vorstellen können! Er kam also mit und schrieb in kyrillischen Buchstaben auf jede Tafel, die er in den Hörsälen erblickte: "Es ist für einen Rotarmisten unwürdig, Kulturgüter zu zerstören!"

Um eine Professorenversammlung einzuberufen, benötigte ich den Stempel des Rektors der Universität Wien. Der russische Offizier brach einfach die Schreibtischladen im Rektorat auf, und dort fanden wir auch den entsprechenden Stempel - allerdings mit dem Hakenkreuz drauf. Ich wusste, dass der Beamte des katholisch-theologischen Dekanats seinen österreichischen Stempel aus der Zeit vor 1938, versehen mit dem im Ständestaat wieder eingeführten zweiköpfigen Adler, nicht abgeliefert, sondern versteckt hatte. Diesen Stempel besorgten wir uns ebenfalls, schälten den Adler heraus und klebten ihn auf den ersten Stempel. Jetzt hatte ich einen Stempel mit der Aufschrift "Rektor der Universität Wien" … Und damit berief ich für den 15. April um elf Uhr vormittags die Professorenversammlung in das Ägyptologische Institut ein.

Diese Einladungen wurden von "Stroblianern" ausgetragen … Gleichzeitig mit diesen Einladungen forderte ich alle Studenten per Erlass auf, sich sofort, da das Sommersemester am 2. Mai beginnen sollte, zu einem Aufräumeinsatz zu melden. Zehn Stunden Aufräumeinsatz sollte ein "normaler" Student leisten, 30 Stunden die ehemaligen Mitglieder von NS-Organisationen. […]

Christen & Juden nach 1945

Helmut Wohnout: Sie gelten als Doyen der wissenschaftlichen Judaistik im deutschsprachigen Raum und standen ganz an den Anfängen der christlich-jüdischen Zusammenarbeit nach 1945 in Österreich. […]
Schubert: Dadurch, dass ich im Wintersemester 1941/42 Hebräisch zu lernen begonnen hatte und mehr auf Hebräisch las, als ich für meine Prüfungen brauchte, war für mich ein guter hebräischer Text der Bibel so, als ob ich in ein Ghetto des Garten Eden ginge, das heißt hinaus aus dem nationalsozialistischen Ambiente. Es war für mich eine andere Welt, in die ich mit diesen Texten eintauchen konnte. Und alle … erwarteten von mir, dass ich darüber sprach und mich dazu äußerte. Ich kann sagen, dass ich keinerlei Widerspruch erfuhr, immer nur Zustimmung. Damit war der Grundstein für meine späteren Bemühungen gelegt. […]

De facto hatte ich durch die Zusammenarbeit mit meinen Lehrern, von denen ich das moderne Hebräisch gelernt hatte, ab Herbst 1945 Kontakt zu jüdischen gelehrten Rabbinern, die Auschwitz überlebt oder als Flüchtlinge durchgekommen waren. Mit ihnen kooperierte ich, und sie alle akzeptierten mein Christentum völlig. Mit ihnen arbeitete ich auch bei der Unterstützung der so genannten illegalen Einwanderung nach Palästina zusammen. Zu Ostern 1947 zum Beispiel, als wir nach Rom fuhren, benachrichtigte ich meine jüdischen Freunde davon, und sie meinten: "Dich werden die Engländer sicher nicht durchsuchen, wenn du mit dem Militärzug fährst. Da, nimm diesen Brief für uns mit und gib ihn in Rom bei der Jewish Agency ab." Wir verstanden einander, und dazu brauchten wir nicht viel Organisation.

Kurt Schubert - Kurt Schubert (1923–2007), Beiname „Moses“, am 7. November 2005 im Karl von Vogelsang-Institut. - © Vogelsang-Institut
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Kurt Schubert (1923–2007), Beiname „Moses“, am 7. November 2005 im Karl von Vogelsang-Institut.

Erst 1956 begann die Arbeit des christlich-jüdischen Koordinierungsausschusses; zuvor hatte sich Prälat Karl Rudolf, der damalige Leiter des Seelsorgeamtes, an mich mit der Bitte gewandt, ich sollte im Rahmen der österreichischen Pax Christi einen christlich-jüdischen Arbeitskreis gründen. Aus diesem ging dann der Koordinierungsausschuss hervor. Doch Aktivitäten, die in diese Richtung gingen, hatte ich bereits zuvor via Katholisches Bildungswerk und Katholischer Akademikerverband unternommen.

Helmut Wohnout: Welche Auswirkungen hatte das Zweite Vatikanum auf Ihre Bemühungen …?
Schubert: Das Zweite Vatikanum verstand ich als Bestätigung dessen, was ich bereits machte. Es war nichts Neues für mich, im Gegenteil, es war für mich eine Selbstverständlichkeit. Die Möglichkeit, die das Vatikanum eröffnete, war das akademische Gespräch zwischen Christen und Juden und die Förderung der Kenntnis der jüdischen Tradition durch die Christen. Ich versuchte, Theologen zu motivieren, sich ernsthaft mit der Judaistik zu befassen. Viele waren dazu bereit, aber nur ein einziges Mal gelang es mir, das zu institutionalisieren, nämlich an der Theologischen Fakultät in Luzern.

Mein damaliger Assistent Clemens Thoma, der ein Schweizer war, wurde dort an der Theologischen Fakultät Professor für Judaistik. Ich war nahe daran, an der Universität Regensburg eine Judaistik gründen zu können, doch diese bereits gewidmete Lehrkanzel wurde von der Theologischen Fakultät für einen zweiten Dogmatiker umgewidmet, damit Joseph Ratzinger nach Regensburg kommen konnte. […]

Ein Leben als Grenzgänger

Helmut Wohnout: Zusammenfassend gesprochen: Sie waren immer ein Grenzgänger. Zwischen Christentum und Judentum, zwischen Wissenschaft und gesellschaftspolitischem Engagement, zwischen spontaner Bereitschaft zur Tat und dem Aufbau institutioneller Strukturen. Was waren die Triebfedern für ihre vielfältigen Aktivitäten, was vermochte Sie ein Leben lang zu motivieren?
Schubert: Geholfen hat mir eigentlich unendlich viel. Ich danke Gott für den Schutz, den er mir immer gewährte - Ende April 1945, ich schaute gerade in der Universität aus einem Fenster, nachdem ich zuvor einen rabbinischen Text studiert hatte, als auf der Straße tausende Kriegsgefangene am Ring entlanggetrieben wurden.

Plötzlich stürzten zwei in mein Zimmer: "Helfen Sie uns, wir wollen nicht nach Sibirien! Wir sind aus Floridsdorf." Ich versteckte die beiden, doch kurz darauf kam ein sowjetischer Offizier, der mit jiddischem Akzent sprach und drohte, dass er, sollte er die beiden Kriegsgefangenen nicht finden, an ihrer Stelle zwei Studenten mitnehmen müsste. Was sollte ich in dem Moment tun? Lieferte ich ihm die beiden aus, dann wusste er auch, dass ich sie verstecken wollte. Ich ging also zurück an meinen Schreibtisch zu meinen Texten. Der Offizier sah das aufgeschlagene hebräische Buch, sagte Schalom, drehte sich um und ging weg. Der Gott Israels hatte mich gerettet.

Ich versteckte die beiden, doch kurz darauf kam ein sowjetischer Offizier, der mit jiddischem Akzent sprach und drohte, dass er, sollte er die beiden Kriegsgefangenen nicht finden, an ihrer Stelle zwei Studenten mitnehmen müsste. Was sollte ich in dem Moment tun?

Kurt Schubert

Oder die Gründung des Fachinstituts Judaistik, die nicht leicht war. Im 19. Jahrhundert waren alle neuen Fächer geschaffen worden, Ägyptologie, Afrikanistik, Indologie, Tibetologie. Alle Versuche, eine Judaistik zu gründen, waren fehlgeschlagen. Man brauchte sie nicht, sie war keine "richtige" Wissenschaft, wie viele meinten.

Nur einer unterstützte mich in dieser Sache und hatte auch die Macht, dies zu tun, nämlich Bundesminister Heinrich Drimmel. Ihn hatte ich kennen gelernt, als er noch nicht Minister, sondern Sektionsrat war. Es ging damals um einen Lehrauftrag, und er interessierte sich für meine Arbeit. Ich beschäftigte mich damals gerade mit Maimonides, und so unterhielten wir uns zwei Stunden lang über dieses Thema. Das führte dazu, dass die Judaistik 1959, sozusagen durch einen Handstreich Drimmels, gegründet wurde. Ihm verdanke ich mein Fach, sonst hätte ich nach Berlin oder nach Frankfurt gehen müssen.

Buch

Demokratie und Geschichte

Das vollständige Zeitzeugengespräch mit Kurt Schubert findet sich in:

Demokratie und Geschichte
Jahrbuch des Karl von Vogelsang-Institutes zur Erforschung der Geschichte der christlichen Demokratie in Österreich
Jg. 9/10, 2005/06
Hg. von Helmut Wohnout
Böhlau Verlag, Wien 2007.
304 Seiten, brosch., € 27,80

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