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Mitspracherecht in der Frage um Jerusalem

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Ein Abkommen historischer Tragweite haben der Vatikan und Israel in der letzten Woche 1993 unterzeichnet. Warum sind Israels Gefühle gemischt?

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Ein Abkommen historischer Tragweite haben der Vatikan und Israel in der letzten Woche 1993 unterzeichnet. Warum sind Israels Gefühle gemischt?

Der Vertrag hat eine zweifache Dimension: er ist vor allem ein zukunftweisendes Dokument, das nüchtern die Beziehungen zwischen den beiden Staaten regelt, angefangen von gegenseitiger Anerkennung bis zu finanziellen Verwal- tungs- und Steuermodalitäten des kirchlichen Vermögens in Israel. Aber nicht minder wichtig, ist er ein Neubeginn der interkonfessionellen Beziehungen zwischen den beiden ersten monotheistischen Religionen und könnte oder sollte zumindest zu einer gründlichen Revision der überaus bitteren Beziehungen der beinahe zweitausend Jahre andauernden religiösen Kontroversen zwischen Christentum und Judentum führen. Letzteres bleibt zwar abzuwarten, aber bereits heute ist anzunehmen, daß in dieser Hinsicht ein äußerst wichtiger Ansatz getan wurde.

Dennoch sind die Gefühle in Israel über diesen positiven und langerwarteten Schritt nicht nur gemischt, sondern es schwingt sogar eine gewisse Enttäuschung mit. Dies vor allem deswegen, weil der Vatikan den Schritt zur Anerkennung Israels spät, sozusagen in allerletzter Minute unternommen hat. So wird diese so wichtige Anerkennung von vielen Israelis nur als noch ein weiteres Glied in der langen Kette Dutzender Staaten angesehen, die im Laufe der

letzten drei Jahre Israel anerkannt haben, wie zum Beispiel alle Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und die Staaten Osteuropas sowie die meisten Staaten der Dritten Welt, die 1973 ihre bis dahin guten Beziehungen zu Israel abbrachen und nun daran wieder sehr interessiert sind.

Die offizielle Anerkennung Israels durch den Vatikan hätte zu einer anderen Zeit eine tiefe Befriedigung in Israel ausgelöst und zentrale Aufmerksamkeit erzeugt, heute wird sie nur mehr unter ferner liefen registriert. Die israelische Öffentlichkeit und die Medien sehen im jetzigen Zeitpunkt nur den Versuch des Vatikans, sich in allerletzter Minute ein Mitspracherecht im Friedensprozeß, besonders im Hinblick auf den Status Jerusalems zu verschaffen.

Zwar steht dieser gegenwärtig noch nicht zur Debatte, aber sicherlich werden bald informelle Verhandlungen über Jerusalem zwischen Jordanien, den Palästinensern und Israel beginnen, die dann in fünf Jahren ihren endgültigen Modus finden sollen. Aber was sind fünf Jahre für eine Stadt, die bald ihr 3.000. Jubiläum feiern wird?

Abgesehen davon gibt es ultraorthodoxe jüdische Kreise, deren politischer und gesellschaftlicher Einfluß im letzten Jahrzehnt überproportional erstarkt ist, die gerade dieser positive Anfang einer Aussöhnung irritiert und die ihm keineswegs beipflichten. Sie befürchten, ganz im Gegensatz zu der großen laizistischen Mehrheit, eine vergrößer

te Missionstätigkeit von Seiten der katholischen Kirche; als ob ausgerechnet die Strengstgläubigen die am meisten Anfälligen einer christlichen Bekehrung wären!

Interessanterweise sind auch die anderen, nicht-katholischen Kirchen, wie die griechisch-orthodoxe, die abessinische Kirche und weitere, nur wenig begeistert; sie befürchten, daß Israel ab jetzt die katholische Kirche ihnen gegenüber bevorzugen würde.

Seit Bestehen des Staates Israel befürchtete der Vatikan, eine Anerkennung würde negative Folgen für die christlichen Araber in Israel . und im Nahen Osten haben und könnte von diesen als Anerkennung israelischer Souveränität über Jerusalem verstanden werden, wozu der Vatikan nie bereit war.

Nun scheinen auch diese letzten Hindernisse beseitigt. Laut Erzbischof Andrea Di Monte- zemolo, dem Apostolischen Gesandten in Jerusalem, haben keine christlich-arabischen Amtsträger gegen die Anerkennung Einspruch erhoben. Nur die PLO-Sprecherin, Hanan Asraui, meinte, der Zeitpunkt sei „noch verfrüht“. Hinsichtlich des Standpunktes in Sachen Jerusalem hat der Vatikan einen langen Weg seit 1974 zurückgelegt, als er sich für einen internationalen Status Jerusalems einsetzte. Heute engagiert sich der Vatikan nicht mehr für eine politische Lösung Jerusalems. Sein Interesse gilt vor allen den heiligen Stätten. Diesbezüglich ist Israel sicher verhandlungsbereit.

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