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Fortschritt als Illusion?

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Das Europäische Forum Alpbach widmete sich heuer dem Thema „Konsequenzen des Fortschritts". Dabei kam auch der jetzt in München lebende tschechische Schriftsteller Ota Filip zu Wort, dessen A ussagen wesentlich in seinen Erfahrungen mit dem östlichen und westlichen Gesellschaftssystem wurzelten. Die FURCHE bringt einen A uszug aus diesem Referat.

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Das Europäische Forum Alpbach widmete sich heuer dem Thema „Konsequenzen des Fortschritts". Dabei kam auch der jetzt in München lebende tschechische Schriftsteller Ota Filip zu Wort, dessen A ussagen wesentlich in seinen Erfahrungen mit dem östlichen und westlichen Gesellschaftssystem wurzelten. Die FURCHE bringt einen A uszug aus diesem Referat.

Ich gebrauche das Wort Fortschritt nur ungern, denn erstens weiß ich nicht genau, was es bedeutet, zweitens kommt mir so vieles, was uns als fortschrittlich präsentiert wird, ziemlich verdächtig vor, und drittens muß ich, um überhaupt über den Fortschritt als Illusion zu sprechen, feststellen: Die Marx-Leninisten haben sich, ohne von unserer Seite her Widerstand zu spüren, des Begriffs Fortschritt bemächtigt und gehen mit ihm in einer Art und Weise um, der mich anekelt.

Dürfen Marxisten das Wort Fortschritt im Zusammenhang mit ihren ideologischen Zielen und Mitteln gebrauchen? Gibt es außerhalb des Marxismus noch eine Lehre, die mit aller Gewalt jede geistige Rührung und Bewegung verhindert?

Gibt es auf unserer Welt ein überzeugenderes Beispiel des Versagens einer Ideologie, als das Beispiel der Marxisten?

Wenn wir auch Marx und Engels zugestehen, daß ihre Lehre im 19. Jahrhundert die Mißstände der damaligen Gesellschaft zu analysieren versuchte, haben es die Kommunisten in Rußland in mehr als sechzig Jahren geschafft, mit Hilfe ihrer einzig wahren und wissenschaftlichen Lehre, dem Menschen alles das zu sichern, was wir ein bescheidenes Glück in Freiheit bezeichnen?

Haben wir uns also nicht von den Marxisten und Kommunisten in eine Defensive drängen lassen und ihnen in unserer Ohnmacht unter anderem auch den Begriff und Sinn des Wortes Fortschritt zum freien Mißbrauch überlassen?

Ich behaupte, wenn es heute tatsächlich noch Menschen und Gruppen gibt, die ihren reaktionären Konservatismus gegen die elementaren Grundrechte des Menschen einsetzen, dann sind es die Marx-Leninisten und Kommunisten.

Den Marxisten ist aber dabei etwas Schreckliches passiert, die Geschichte spielte ihnen einen bösen Streich, mit dem sie allerdings jeden bestraft, der dem Menschen, seiner Spontaneität, seiner Phantasie und seinem Streben nach Freiheit ideologische Fesseln anzulegen versucht. Der Bürger in den sogenannten sozialistischen Demokratien hat die Hoffnung auf Fortschritt innerhalb des marxistischen Systems vollkommen aufgegeben. Oder aber, was wir in Polen beobachten können, verläuft der Fortschritt in einer dem Marxismus entgegengerichteten Linie und stellt die Ideologie auf den Kopf.

Die tatsächlich fortschrittlichen Entwicklungen in Polen haben einen Charakterzug, vielleicht den überhaupt wichtigsten und fortschrittlichsten: Der polnische Arbeiter verhält sich zur Zeit genau so, wie es ihm Marx vorgeschrieben hat: der klassenbewußte polnische Proletarier kämpft für seine Rechte und will seine Ketten loswerden. - Nebenbei bemerkt, ich kenne in Europa keinen Staat, in dem man, außer Polen, von einem tatsächlichen Proletariat mit allen Merkmalen dieses „Standes" sprechen könnte. Im Westen neigt der Proletarier zum Kleinbürgertum und zum Spießer, im Osten versteckt er sich in der „Masse der Werktätigen", aus leicht verständlichen Gründen.

Die Wiedergeburt, die Renaissance des Proletariers als Klasse, die unerschrocken ihre Ansprüche und Rechte formuliert, haben wir eben in Polen erlebt, nun aber für die Marxisten im Osten und für die geistig verträumt-verschlafene Linke im Westen, unter Vorzeichen vollzogen, die selbst Marx, geschweige Lenin oder Stalin, entsetzen müßten.

Ein weiterer fortschrittlicher Aspekt, den ich in diesem Zusammenhang erwähnen muß, ist die andere Qualität des polnischen Widerstandes gegen die Parteibürokratie und Macht. 1953 hatten wir es in Ost-Berlin mit einem spontanen Aufstand zu tun gehabt, der zwar Sympathien und Mitleid erweckte, jedoch kein klares Programm formulierte. Die ungarische Revolution war meiner Ansicht nach beim schrecklichen Ausbruch auch ohne Programm, das wesentlich die fortschrittliche Idee eines geistigen Widerstandes gegen ein totalitäres System beeinflussen könnte. Nach Ungarn blieb nur Trauer und Verzweiflung in der europäischen Luft hängen. Der Prager Frühling formulierte, den damaligen Bedingungen entsprechend, doch einen Kompromißvorschlag, der vielleicht fähig und berufen wäre, eine neue gesellschaftspolitische Realität ins Leben zu rufen. Alle diese Aufstände und Rebellionen waren zwar fortschrittlich, aber zu sehr mit Illusionen belastet.

Der polnische Proletarier dagegen, der nicht den Sinn für die Realität verloren hat, erreichte in seinen Grundforderungen ein Programmziel, welches seine Wirkung in der Zukunft nicht verfehlen kann. Marx und Lenin haben recht, wenn sie uns über die anwachsenden Krisen und die unausweichlich folgenden qualitativen „Sprünge" belehren. Wir haben es eben in Polen verfolgen können, wie es auf Grund einer permanenten Krise zu einem neuen qualitativen Sprung im Widerstand gegen die herrschende Klasse kam.

Der Fortschritt verhält sich also fort-

schrittlich, das heißt, daß er seine schärfsten Ausläufer immer gegen die richtet, die glauben, im Namen einer Ideologie die Menschen zu versklaven oder zum Schweigen bringen zu dürfen.

Es ist zum Verzweifeln: Die Ratlosigkeit und Unbeholfenheit, die immer dann ausbricht, wenn wir im Westen mit Fortschritt konfrontiert werden, ist bedrückend. Die 2000-jährige Kulturgeschichte Europas, die uns so manchen Fortschritt, Rückschritt, Trittschritt und Wechselschritt brachte, uns zu oft im Gleichschritt zu marschieren zwang und uns von Schrittmachern des Fortschritts zu Tode quälen ließ, hat es nicht geschafft, uns von den Wurzeln der Barbarei loszureißen.

Wenn ich überhaupt etwas als Fortschritt betrachten kann, dann ist das die Tatsache, daß wir uns im jahrhundertlangen Prozeß vom primitiven zum komplizierten, sanften, zivilisierten Konsum-Barbaren entwickelt haben. Der einfache Barbar tötete, um an ein Stück Fleisch zu gelangen, und da wir es in einer Wohlstandsgesellschaft gar nicht nötig haben, wegen eines Stück Fleisches zu töten, und da das Umbringen des Menschen sogar in manchen Fällen als unmoralisch und verab-scheuungswert gilt, konzentrierten wir uns auf das Töten des Geistes.

Auch das ersehnte Modell des modernen Menschen der westlichen Wohlstandsgesellschaft erweckt in mir einen noch größeren Schreck, als das, ich glaube, ziemlich genaue Bild eines Neandertalers.

Ich hatte einen bösen Traum: Wir im Westen haben schon fast alle Konsumansprüche besänftigt, im Rahmen des Fortschritts schon alle unsere Reserven verbraucht und dem armen, konsumverzichtenden Osten wieder einmal gezeigt, wozu wir fähig sind. Und eines Tages kam auf uns der große, schreckliche Knick zu. Das Licht ging uns aus. Und aus der Finsternis des Ostens und des Südens kam auf unsderzur Konsumarmut gezwungene Barbar zu, der nicht im Wohlstand verfaulte Mensch, mit der Ideologie der Hungrigen und Unterprivilegierten ausgerüstet.

Und ich sah auf mich und auf uns das zukommen, was schon mehrmals den Menschen für seine unstillbare Freßlust bestraft hat: Mit einem grausamen Fußtritt zerstörte der Barbar alles, woran wir glaubten und uns festklammerten.

Das einzige, was mich im Traum und jetzt noch trösten kann, ist die Tatsache: Der Barbar, dessen einfache Spontaneität, mit der er die Zivilisation zerstört, imponiert mir und tut mir zugleich leid: Auch der Barbar wird vom Fortschrittsbazillus angegriffen und es dauert meistens nicht lange, da er dieselben Fehler, wie sie die von ihm Besiegten machten, wiederholt. Somit schließt sich der Teufelskreis des Fortschritts.

Der Marxismus, der einst vielleicht eine Existenzberechtigung aufweisen konnte, verkümmerte in einem nicht ganz halben Jahrhundert zu einer perfekten Ideologie des neuen Imperialismus, er, der den Menschen befreien wollte, versklavte ihn auf eine Art und Weise, die wir in der bisherigen Geschichte nicht kennen.

Und wir im Westen, die tatsächlich frei leben und schaffen können, schwärmen natürlich für die Freiheit und den Fortschritt, aber sehen ihn nur durch die Jahresbilanzen verblendet. Wenn einmal die nicht stimmen sollten, was sehr bald geschehen kann, brechen wir. zusammen. Gott bewahre denjenigen vor dem Groll der Öffentlichkeit, der es wagen würde, uns vor die Augen zu führen, daß wir alle an der Fortschrittsillusion leiden, die uns zwar jedes Jahr mit zunehmenden Wachstumsraten tröstet, aber nicht vor Katastrophen bewahrt, die schon abzusehen sind.

Meine Frau, ein nüchterner Mensch, sah sich nach unserer Ankunft in der Bundesrepublik ein Jahr lang schweigend den Westen an und dann sagte sie: Es ist schön, daß wir noch die letzte Phase der zeitgenössischen Dekadenz, kurz bevor die Barbaren kommen, genießen können.

Wenn wir über Fortschritt als Illusion mit oder ohne Fragezeichen sprechen, konnte ich nicht den Satz meiner Frau vergessen. Der Schock, mit dem sie mich damals traf, sitzt mir tief in den Knochen und im Kopf.

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