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Digital In Arbeit

Ich tat nur meine Pflicht

Du wirst manches im Leben tun müssen, das dir nicht gefällt, Hauptsache, daß du saubere Hände behältst! — eine Lebensregel, wie sie Mütter gern ihren Söhnen mit auf den Weg geben. Solche Sprüche setzen sich im Gedächtnis fest, man grübelt nicht über ihre Bedeutung nach, wiederholt sie gedankenlos; so wandern sie weiter durch die Zeiten. Saubere Hände, darauf kommt es an! Nichts berühren, was schmutzig macht, nicht zufassen, nicht schlagen, nicht stoßen. Dafür sind andere da, man hat sie dazu bestellt: die Knechte und Henker, die Söldner, die Gefangenenwärter.

Er ist nur dabeigewesen, er hat zugeschaut, aus zusammengezogenen Lidern — die Sonne blendete so! —, er hat den Mund vor Ekel verzerrt bei den Vorbereitungen zum Vollzug des Urteils, er hat die Knechte und Söldner zur Ordnung gerufen, wenn sie ihr Opfer mehr quälten, als dies in den Vorschriften stand. Fürs Zuschauen und Dabeisein hat noch keiner je Strafe gezahlt. Die Augen sind unschuldig, ihr Blick tut nicht weh, er hat noch keinen getötet. Wer nicht mit Hand anlegt, kann auch kein Mörder sein ...

Es ist die Pflicht eines Offiziers, bei der Exekution anwesend zu sein und die nötigen Befehle zu erteilen. Er muß seinem Vorgesetzten Meldung erstatten, daß alles ordnungsgemäß ausgeführt worden ist. Er gibt das Kommando weiter an die, die sich schinden mit Nägeln und Hämmern, mit Zangen und Stricken, mit Lanzen und Piken. Es ist eine schwere, schweißtreibende Arbeit, einen Verbrecher langsam vom Leben zum Tode zu bringen. Der Befehl kam von oben, er wanderte von Mund zu Mund, bis er ihn erreichte. Er war nur ein kleiner Hauptmann, ein unbedeutendes Glied in der Kette. „Was ich getan habe, zählt nicht“, würde er später sagen. Um was es ging, wußte er nur durch Gerüchte: der höchste Beamte und Richter will seine Hände in Unschuld waschen. Ein schwieriger Fall mit unklaren Zuständigkeiten!

Eine Behörde schiebt der anderen die Verantwortung zu. Man kennt dergleichen bei Fällen von politischer Bedeutung. Der Landpfleger ist für seinen Gerechtigkeitssinn bekannt. Er zögert, wägt beide Seiten sorgfältig ab, bevor er seine Entscheidungen trifft. Wenn er etwas befiehlt, wird es schon seine Richtigkeit haben.

Die Hände waschen, das wäre nicht übel bei der Schwüle. Seit dem frühen Morgen muß man sich den Schweiß von der Stirn wischen. Der Staub, der vom Boden aufwirbelt, wenn ein Windhauch über den Hügel weht, dringt in alle Poren der Haut. Durst quält nicht nur die dort oben an den Kreuzen. Man selbst möchte sich gern die Lippen befeuchten und die trockene Kehle ausspülen.

Ein paar Schritte von den zum Tode Verurteilten entfernt, haben sich die Kriegsknechte ein Feldlager eingerichtet. Sie machen sich's gemütlich, legen eine Ruhepause ein nach der Mühe und Schinderei. Sie haben, so glauben sie, einen Schluck Wein und einen Bissen Brot verdient. Ein paar von ihnen stützen die Ellbogen auf die angezogenen Knie und dösen vor sich hin in der Hitze, andere liegen auf dem Boden des Richtplatzes ausgestreckt und schlafen am hellen Tag.

Um den Unteroffizier hat sich ein Halbkreis gebildet, eine Runde von Männern, die sich die Wartezeit durch Spielen vertreiben. Dieses Volk richtet sich überall in dieser Welt ein wie in einer Schenke nach Feierabend. Erst haben sie ein wenig gewürfelt um die Ehre, um Geld, das ist ihnen bald langweilig geworden. Es liegt heute etwas in der Luft, vielleicht ein Gewitter, die Männer sind gereizt, sie streiten bei jeder Gelegenheit. Wenn das so weitergeht, wird man noch eingreifen müssen. Jetzt haben sie eine neue Beschäftigung gefunden. Sie werfen das Los, um die Kleider des Mannes am Kreuz untereinander zu verteilen. Viel wert sind die nicht, das beste Stück ist der Rock, den können sie nicht auseinanderschneiden.

Genaugenommen ist dieses Feilschen um den Besitz der zum Tode Verurteilten verboten. Doch es lohnt sich nicht wegen einer solchen Kleinigkeit die Leute noch mehr zu reizen. Am besten, man drückt die Augen zu oder schaut in eine andere Richtung wie nach der Schlacht, wenn sie die Kriegsbeute verteilen und sich um die besten Stücke streiten. Es sind halbe Tiere, man muß ihnen ab und zu einen Bissen hinwerfen; nur wenn sie satt sind, geben sie Ruhe.

Ein Glück, daß ich nicht so bin wie die anderen! Deshalb hat man mich auch zum Hauptmann gemacht, ich werde es noch weiter bringen in meiner Legion. Es darf nur kein Zwischenfall kommen, der mir die Karriere verdirbt. Sich heraushalten, abseits bleiben, die Hände sauber behalten, nichts tun, was sie einem später vorwerfen könnten. Ein Offizier muß einsam sein, er darf sich niemals gemein machen mit seinen Leuten, sonst verlieren sie die Achtung vor ihm.

Für einen dekorierten Offizier, der mehrere Feldzüge mitgemacht hat, um für das Römische Reich neue Provinzen zu erobern, ist es eine ziemlich unwürdige Sache, Leiter eines Exekutionskommandos zu sein. Fast ein Strafkommando. Aber Befehl ist Befehl. Eine unmenschliche Art der Hinrichtung! In diesen aufgeklärten Zeiten sollte man sich etwas anderes einfallen lassen, um den Staat vor Verbrechern und vor politischen Gegnern zu schützen. Man muß an sich halten, um diesen unglücklichen Opfern nicht den Gnadenstich oder den Todesstreich zu geben.

Der in der Mitte blutet aus zahllosen Wunden. Man muß aufpassen, daß man keinen Tropfen abbekommt, wenn man so dicht unter ihm steht. Solch ein Blutflecken auf der Uniform geht nur schwer beim Waschen heraus. Der in der Mitte leidet am meisten von den dreien, er wird am längsten leben. Er ist die Hauptperson bei dieser Hinrichtung. Eine Menge Neugieriger hat sich um sein Kreuz versammelt; sie pilgern zum Richtplatz hinaus, um ihn zu sehen. Es geht wie auf einem Jahrmarkt zu. Nicht einmal die fliegenden Händler fehlen. Die Weiber weinen und jammern, als habe er schon seinen Geist aufgegeben, es sind seine Anhängerinnen, sie laufen jedem nach, der etwas zu verkündigen hat, das sie von den Sorgen ihres Alltags befreit.

Die Inschrift „König der Juden“ soll auf Befehl des Landpflegers angebracht worden sein, zum Hohn natürlich, denn der Verurteilte war nichts als ein harmloser Narr, ein Wanderprediger, den seine eigenen Landsleute dem Gericht ausgeliefert haben wegen Anstiftung zum Aufruhr. So wenig Widerstand wie dieser Mensch hat noch kein Verbrecher geleistet, wenn es ans Sterben ging. Nur ein einziges Mal blickte er auf, während sie ihn ans Kreuz nabelten, dem Hauptmann gerade inaie Augen. Gesagt hat er kein einziges Wort, außer diesem furchtbaren „Mich dürstet“, das klang, als habe es ein anderer an seiner Stelle gerufen.

„Mich dürstet.“ Der Hauptmann murmelte es vor sich hin, er ahmte die Stimme des Gekreuzigten nach, es gelang ihm nicht. Er schämte sich, weil er mit sich selbst gesprochen hatte. Einige der Zuschauer hatten es gehört, sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Ein Hauptmann, der Selbstgespräche führt - hat man schon je so etwas erlebt?

Durst ist hundertmal schlimmer als Hunger, der Hauptmann wußte es von den Feldzügen in den Wüsten Kleinasiens her. Die Kehle war ausgedöri^, der Gaumen brannte, das Schlucken machte Beschwerden. Am liebsten wäre er zu den Kriegsknechten hinübergegangen und hätte, alle Würde vergessend, um einen Schluck aus ihrer Feldflasche gebeten, um sich von der Qual zu befreien. Doch er blieb im Schatten und Schutz des Kreuzes.

Es war ungerecht und unbegreiflich: der Hauptmann, der hier nichts zu tun hatte, als für Ordnung zu sorgen und auf den letzten Atemzug der Delinquenten zu warten, litt mit dem „König der Juden“. Er spürte die Schmerzen dieses Wundertäters an den durchbohrten Gelenken der Hände und Füße, an den noch immer blutenden Wunden des Leibes. Er war allein. Er hatte keine Verbindung zu den Schaulustigen, den Schwätzenden und den Jammernden, die in einem Halbkreis um das Kreuz herumstanden. Er sah den „König der Juden“ nicht an, doch er konnte sich nicht aus seinem Bannkreis entfernen. Er war ihm näher als irgendein anderer in der Menge der Zeugen seines schmählichen Todes. Ihm wurde schwindlig, er stützte sich auf den Schaft seiner Lanze, er lehnte sich gegen den Stamm des Kreuzes, er fühlte sich von allen Göttern und aller Welt verlassen.

In der gewittrigen Schwüle fing er zu frösteln an, ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter, er zitterte an allen Gliedern. Er hört eine Frauenstimme: „Seht nur den Hauptmann an! Wie blaß er ist. Ihm wird übel. Man sollte ihn ablösen.“ Ablösen! Ein Wort aus einer anderen Welt, es hat keine Gültigkeit mehr für dieses Leben. Der Hauptmann hatte sich nicht freiwillig für diesen Einsatz gemeldet, er tat hier nur seine Pflicht. Der sterbende Wundertäter war schuld daran, daß er teilnahm an seinen Schmerzen.

Gott, mein Gott... hatte er diese Worte, die der am Kreuz ausstieß, mit seiner eigenen Stimme wiederholt, so laut, daß die Herumstehenden, Schaulustigen sie hören konnten? Der Hauptmann biß sich auf die Lippen, er straffte seinen Rücken, zwang sich, aufrecht zu stehen. Es war hoch an der Zeit, sich darauf zu besinnen, daß er ein Offizier des römischen Kaisers war, der nichts zu tun hatte mit diesem unheimlichen Land, mit diesem unheimlichen Volk in einer der vielen Provinzen des Imperiums.

In diesem Augenblick hörte er ein fernes Donnergrollen, das kein Ende fand, weil es in den Schluchten und Tälern um den Kidronfluß widerhallte. Hatte der „König der Juden“ am Kreuz geschrien? Oder hatte er nur seinen letzten Seufzer getan und ihm, dem Hauptmann, den Schrei überlassen?

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