Aus dem Inneren der Projektgesellschaft

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Arbeiten von zuhause aus liegt im Trend. Ist der Kapitalismus wirklich so zahm geworden? Nein, er lebt jetzt in uns und schafft eine neue Art von Sklaventum. Der umtriebige und immer aktive Homo oeconomicus tritt mit letzter Kraft in die Speichen seines Hamsterrades.

Freitagabend, 18 Uhr: Dienstschluss, ein gemütlicher Ausklang mit Feierabendbierchen in der Bar am Eck, dann am Wochenende die Füße hochlegen und, wie man neuerdings sagt, einfach nur "chillen“ - dieser angenehmen Vorstellung mag man heute fast nur noch im Film begegnen. Denn die westlichen Wohlstandsgesellschaften fordern dem Individuum vieles ab, um dessen Lebensstandard zu erhalten.

Immerhin: Die Werbung erzählt uns, wie erfüllt wir sein müssten, muntere Ratgeberliteratur verkauft uns ein Quäntchen Glück zum kleinen Preis. Doch inzwischen ist der umtriebige und immer innovative Homo ökonomicus in eine Sackgasse geraten. Er ist müde und ausgelaugt und doch tritt er mit letzter Kraft weiter in die Speichen seines Hamsterrads.

Das permanente Kribbeln

Dann sieht man wiederum die Bilder der alten Fabriken, wo noch mit den Händen Arbeit produziert wurde, bevor die Männer mit rußigem Gesicht nach Hause kamen, und uns wird bewusst: So frei wie heute war diese Gesellschaft nie. Eigentlich. Denn obwohl es uns gut gehen sollte, spüren wir permanent ein Kribbeln. Es wirkt ein geheimer Antrieb, der nie zu stillen ist und ein ganz neues Bild von Gesellschaft entwirft.

Während die meisten Arbeitsplätze früher in klaren Hierarchien geordnet schienen, wo jedes Klientel, jede Schicht und jeder Beruf noch seinen Platz hatte, ist der Mensch des 21. Jahrhunderts, insbesondere der Akademiker und Denker, mehr und mehr sein eigener Chef. Statt Stunden in irgendwelchen Bürohinterzimmern zu klopfen, arbeiten viele schon im Homeoffice. Freiberufler, darunter etwa Journalisten, joblose Geisteswissenschaftler, aber auch IT-Fachleute, bilden das Ensemble der "Projektgesellschaft“. Und sie alle wissen: Es zählt weder der Fleiß noch die Arbeitsstunden, die man investiert. Den Auftraggeber interessiert nur das Resultat. Die Wertschätzung für den Weg dahin geht in dieser auf Erfolg getrimmten Gesellschaft aus Ich-AGs verloren.

Mehr noch: Arbeit soll erst gar nicht mehr als solche begriffen werden. Wie der just mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentarfilm "Work Hard - Play Hard“ imposant veranschaulicht, dokumentieren bereits innovative Konzernarchitekturen, wie Arbeits- und Privatssphäre schleichend ineinander übergehen. Am Beispiel der neuen Unilever-Zentrale in der schicken Hamburger Hafencity führt uns die Regisseurin Carmen Losmann das neue, offene Raumgefühl der schillernden Denkfabriken heutiger Weltkonzerne vor Augen. Darin sollen Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz, der nun nettes Ikea-Wohn-Feeling verbreitet, nicht mehr als solchen wahrnehmen.

Beruf ist Berufung und füllt den Arbeitnehmer oder Projektjobber voll aus. Zwar vermitteln solche Firmenkonstruktionen den Eindruck, einzig am Wohl der Angestellten orientiert zu sein. Gleichwohl tut sich dahinter die Perfidität eines neu maskierten Kapitalismus auf. Ziel ist es, durch ein wohliges Umfeld Kommunikation unter den Mitarbeitern zu schaffen und deren Ideenproduktion anzuregen.

Der innere Chef

Wo einstmals noch Autorität ein Unternehmen trug, wirken nunmehr subtile Steuerungen, deren Drastik jedoch weitaus verheerender zu sein scheint. Die Zunahme von Burnout und allerhand psychischer Ausfallerscheinungen gibt zu erkennen: Das Leistungsdenken ist buchstäblich in einem Großteil der Köpfe angekommen. Es braucht nicht mehr die Weisung von oben, die uns in hektische Alarmbereitschaft und Arbeitswut versetzt. Wir haben indes eine innere Stasi entwickelt. Wir sind zu Sklaven unserer selbst geworden. Allseits machen wir uns, angestachelt durch den harten Konkurrenzdruck, bewusst: Du gibst viel. Aber das ist nicht genug. Nachtarbeit und Wochenenden am Schreibtisch sind kein Tabu mehr, sondern Usus der Arbeitskultur 2.0.

Indem Gerhard Schröder und Tony Blair in den 00er-Jahren als erste Regierungschefs umfassend eine Epoche der Deregulierung einleiteten und Tür und Tor für prekäre Beschäftigungsverhältnisse öffneten, wurde die Eigeninitiative politisch zum Primat des neuen Leistungssubjekts erhoben. Nicht nur der Ein-Euro-Jobber ist eine Erfindung dieses Programms, auch den arbeitslosen Akademiker kann manch Unheil erreichen: Vom befristeten Wissenschaftlichen Mitarbeiter ist es durch die herabgesetzten Zumutbarkeitsregelungen nicht mehr weit bis zum Straßenkehrer. Die Atypisierung des Arbeitsmarktes sorgt für eine alle Schichten erfassenden Verunsicherung, die uns selbst in Geiselhaft nimmt. Jeder will den eigenen Abstieg verhindern, beutet sich selbst aus und wird damit zum Komplizen des Systems.

Damit sich kein Widerstand formiert, baut die Projektgesellschaft auf das Prinzip "Divide et impera“. Sieht man von schönen Kommunikationsfluren etwa bei Unilever, die ja ihrerseits der Effizienzsteigerung dienen, ab, leben und wirken immer mehr dieser scheinfreien Mitarbeiter als Solitäre. Kurzfristige Aufträge fordern uns unter Umständen situative Kooperationen ab. Danach ist man aber wieder auf sich selbst verwiesen. Da sich der Einzelne, darunter kreative Fachkräfte vom Auftragsschreiber bis zum Grafikdesigner, oftmals nur von einem befristeten Auftrag zum nächsten hangelt, bleiben Kontinuität und Konzentration aus. Doch eine Gesellschaft, die innovativ sein will, braucht Verinnerlichung und vor allem Zeit. Ideen können nur dort gedeihen, wo Muse möglich ist. Doch Letztere ist nicht messbar und daher für das System nicht existent.

So mangelt es dem Projektarbeiter an der nötigen Zeit, sich in klassischer Form zu bilden. Stattdessen ist er in einem Kreislauf der Informationssammlung, Informationsumformung- und wiedergabe gefangen. Eine Gesellschaft, die keinen Raum für persönliche Weiterentwicklung außerhalb der ökonomischen und damit verwertbaren Existenz bietet, wird geistig verarmen. Sie nutzt Menschen als Gedankenmaschinen ab und beraubt sie der Fähigkeit, immer auch zeitweise zu sich zurückkommen zu können.

Vermag das neue Leistungssubjekt dabei Beruf und Privatheit nicht mehr zu trennen, entsteht ein Menschenbild im Widerspruch. Man fühlt sich gespalten und aufgezehrt. Einerseits sollen junge Akademiker früh Karriere machen, um Wohlstandswachstum zu generieren, andererseits sind sie dazu angehalten, Familien zu gründen und damit dem demografischen Wandel entgegenzuwirken. Max Weber sprach schon früh vom sogenannten "Widerspruch der Wertsphären“, womit er nicht nur die frühe Moderne trefflich charakterisierte, sondern auch unsere Gegenwart.

Zeitknappheit als Tod der Qualität

Wie viel Freiheit kann ein Mensch also vertragen? Welche Leistung ist ihm zuzumuten? Bislang liefert zumindest die Politik keine hinreichenden Antworten dafür. Dass sich das Menschenbild geändert hat, ist nur ein Merkmal eines sich wandelnden Marktes.

Es fehlt an Visionen, die wieder Zuversicht und Stabilität versprechen. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre eine pekuniäre Lösung, die zumindest eine finanzielle Abfederung für all jene darstellt, die sich tagtäglich auf neue Geschäftsbeziehungen und Auftraggeber einlassen müssen. Doch es bedarf auch des Nachdenkens über einen neuen Begriff von Arbeit selbst.

Solange die Projektgesellschaft nur auf Ergebnisse fixiert ist und nur diese honoriert, bleibt die Zeit, um dies zu erreichen, immer ein Hemmnis. Doch die daraus erwachsende Verknappung bringt längerfristig keine guten Resultate mehr zustande. Auch der Arbeitsprozess mit all seinen Umwegen, Abwegen und Gedankenblitzen muss uns wieder ein Wert sein - und wie schrieb doch Oscar Wilde einst so pointiert: "Heute kennt man von allem den Preis, von nichts den Wert.“

Der Autor lebt und arbeitet als Kulturessayist in Deutschland

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