Weil Juden nicht Weihnachten feiern, können sie an Glühweinständen, Christbäumen und Lebkuchenstapeln vorbei schon aufs neue Jahr schauen. Und obwohl entgegen landläufiger Zuschreibung nicht jeder Jude ein Prophet ist, kann man ein paar Themen erahnen, die 2019 nicht nur für Juden wichtig sein sollten. Rechtspopulismus: Die Europawahl im Mai wird zeigen, wie stark rechtspopulistische Parteien sind. Die EU ist zum Feindbild dumpf-verdrossener Wutbürger geworden, die sich an die glorreiche Vergangenheit ihrer Nation klammern. Sie könnten offen antisemitische Parteien ins EU-Parlament schicken. In Europa würde die gefühlte Temperatur für Juden und andere Minderheiten weiter sinken. Sterben der Zeitzeugen: Wer zuletzt eine jüdische Zeitung gelesen hat, wird die weiter wachsende Zahl der Anzeigen bemerkt haben, die den Tod von Überlebenden der Schoah mitteilten. Die wenigsten von ihnen waren prominent; das Sterben des letzten Zeitzeugen wird niemand wahrnehmen. Eine literarische Stimme der Überlebenden war Aharon Appelfeld, ein wichtiger Schriftsteller Israels. Er starb im Jänner. Im Mai 2019 erscheint sein Buch "Meine Eltern" auf Deutsch: Kindheitserinnerungen an das Jahr 1938. Umwelt: Die erste Tora-Lesung 2019 berichtet von den Plagen, die Gott vor dem Auszug der Israeliten über die Ägypter kommen lässt (Exodus 6,2-9,35): Heute sorgen wir Menschen selbst für Umweltkatastrophen. Die Welt-Meteorologiebehörde erwartet im neuen Jahr die Rückkehr von "El Niño", dem Wetterphänomen, das im Pazifik beginnt und weltweite Auswirkungen hat: Viehsterben, Hunger, politische Konflikte. Es beginnt oft um Weihnachten, "El Niño" heißt auf Spanisch das Christuskind. - Und wo bleibt das Positive? - Es liegt in Gottes Hand. In diesem Sinn: eine frohe Weihnachtszeit und ein gutes neues Jahr!
Der Autor ist Wissenschafter am Institut für Jüdische Theologie der Universität Potsdam





