Digital In Arbeit

Viele Gründe für den Krieg

Was ist der Krieg in Tschetschenien? Ein Propagandafeldzug, um Rußlands Premier Wladimir Putin die beste Ausgangsposition bei den anstehenden Präsidentenwahlen zu verschaffen; eine großangelegte Rückholaktion, um die im letzten Tschetschenienkrieg verlustig gegangene Kaukasusrepublik zurückzuerobern, bevor deren völkerrechtlicher Status definitiv feststeht; eine Antiterror-Maßnahme, die die Drahtzieher der Bombenexplosionen in Wohnhäusern verschiedener russischer Städte dingfest macht; eine Kopfgeldjagd, um eine Million Dollar für die Auslieferung des tschetschenischen Rebellenführers Bassajew zu kassieren.

Die Erklärungen für den seit Wochen andauernden Feldzug sind Legion, dabei ist die Liste der Argumente für die Unvermeidlichkeit dieses Krieges noch lange nicht abgeschlossen. Jeden Tag fallen den Kriegstreibern neue bessere Gründe ein, die es rechtfertigen, Samaschki, Grosny und andere tschetschenische Dörfer und Städte zu "bearbeiten", so die militärische Ausdrucksweise. Im Unterschied zur Vielzahl an Rechtfertigungen, die dieser Krieg bietet, ist das Resultat der bearbeitenden Kriegshandwerker überall ein einziges: weitgehend dem Erdboden gleichgemachte Ortschaften, Tote, Verletzte, Verstümmelte, Flüchtlingskolonnen ...

Auch bei westlichen Politikern überzeugen die vielen Gründe für den Krieg mehr, als die eine Auswirkung, die ja überdies schon seit jeher immer die gleiche ist. Anders kann man sich nicht erklären, daß die verhaltenen, diplomatisch-höflichen Aufforderungen des Westens, den Konflikt auf politischem Weg beizulegen, in Rußland als bedankenswerte Unterstützung verstanden werden.

Eine Unterstützung in der Art, wie sie Rußland der NATO gewährte, als das westliche Militärbündnis Serbien bombardierte - und das auch keineswegs ohne gute Gründe. Der Vergleich hinkt in vielerlei Hinsicht, vor allem weil niemand - im Unterschied zu den geschundenen Kosovo-Albanern - in Tschetschenien eine fremde Streitmacht zu Hilfe gerufen hat. Das hindert die Russen nicht, ihr Vorgehen so zu rechtfertigen. Sie machen das, was die Nato im Kosovo getan hat. Sie intervenieren in einer verfahrenen, ausweglosen Situation. Wer kann da widersprechen? Bei so vielen Gründen für einen Krieg.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau