Flucht - © Foto: imago / Rainer Unkel

Krieg: Über das Anfangen in einem neuen Land

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FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in den 1990er Jahren mit ihrer Familie vor dem Jugoslawienkrieg nach Österreich geflüchtet. Aber was folgt nach dem Schrecken?

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FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in den 1990er Jahren mit ihrer Familie vor dem Jugoslawienkrieg nach Österreich geflüchtet. Aber was folgt nach dem Schrecken?

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Das Anfangen in einem neuen Land beginnt viel zu früh. Es beginnt, ehe man sich bewusst ist, dass dieses nun die neue Heimat ist. Es beginnt, obwohl der Krieg noch andauert. Und es beginnt noch vor dem ersten Wort, das man in der fremden Sprache spricht. Es war im Mai 1992, als meine Mutter sich mit meiner Schwester und mir in einen Bus setzte und Richtung Österreich fuhr. An der slowenisch-österreichischen Grenze holte uns mein Onkel ab. Er verdiente sein Geld bereits seit Jahren als Gastarbeiter in Südkärnten und führte schweißtreibende Forstarbeiten durch. Als der Krieg in Form eines Militärhubschraubers auch über unsere Stadt Kreševo hinwegfegte, wusste Mutter, wir müssen los.

Und so saßen wir nun in Onkels Auto, ohne Arbeit, ohne eine Wohnung, aber mit einem Koffer voller eingewechselter D-Mark. Der Koffer sollte uns für den Anfang versorgen. Vater war in Kreševo geblieben, also nur wenige Kilometer von Sarajevo entfernt. Der Krieg werde sicherlich nur wenige Wochen dauern, dachte er. Sechs Monate später kam Vater, erschüttert über die Vorgänge in seiner Heimat, in Österreich an. Ich war damals fünf Jahre alt und umklammerte mit meinen kleinen Händen sein bärtiges Gesicht. Nie wieder wollte ich von seinem Schoß weichen, damit er nicht verschwindet. Aber verschwunden waren ja eigentlich wir. Vater schaffte es raus, trotz Checkpoints. Und so bleibt er für mich der wahre Pazifist.

Dankbarkeit gehört dazu

Dankbarkeit – auch das gehört zum Anfangen dazu. Meine Eltern waren dankbar, dass wir in einem Hotel, das als Flüchtlingsunterkunft diente, Unterschlupf fanden. Wir bekamen Kisten mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln als Unterstützung – und Kleidung, die für uns abgegeben wurde. Auf einem Foto sitze ich auf dem Boden neben so einer Kiste, die gefüllt war mit Mehl, Nudeln, Bananen, Orangensaft und Marmelade. Neben mir hockt ein Stoffpapagei, den mir meine Tante gekauft hat. Ungeschickt ziehe ich mir eine viel zu große Leggins mit Leopardenaufdruck an. Und meine dunkle Haut verschwimmt auf dem alten Fotofilm mit dem Schatten hinter mir.

1992 gab es noch kein Internet, und Vater sprach die Nachbarn in Obersielach, einem Kärntner Dorf, auf Arbeit an. Schnell fand er eine Stelle als Fernkraftfahrer. Auch dafür waren wir dankbar. Es dauerte einen Sommer, bis wir Zdenka kennenlernten. Sie war Slowenin und lebte schon lange in Österreich. Sie besaß ein Gasthaus, gab uns die Wohnung darüber zur Miete und Mutter ein wenig Arbeit als Putzfrau. Nun hatte meine ältere Schwester ein eigenes Zimmer, in dem sie bis spät in die Nacht Deutsch lernte, und ich schlief zwischen meinen Eltern im Ehebett. Auf der Wohnzimmercouch schnarchte meine Großmutter. Jeder Winkel der Wohnung wurde genutzt, jeder hatte seine Aufgaben.

Meine Schwester lernte in der Schule als Erste Deutsch. Also füllte sie alle unsere Formulare aus. Denn Anfangen beginnt mit unzähligen Kästchen, in die man seine Daten eingibt – Daten für die Aufenthaltsgenehmigung, für die Arbeitsgenehmigung, für den Nachweis der Schulpflicht, der Staatsbürgerschaft und vieles mehr. Noch heute füllt meine Schwester jedes Formular mit größter Perfektion und Sorgfalt aus. Wir sind mit unseren Mappen, unseren Passfotos und unseren Daten in den österreichischen Bürokratieapparat eingedrungen, während Sarajevo eingekesselt wurde. Als 1995 der Friedensvertrag von Dayton ratifiziert wurde, besuchte ich meine erste Schulstunde. Die Lehrerin sprach laut und deutlich mit mir und sehr langsam. Gemeinsam mit Ivan, dem Serben, und Slawiša, dem Slowenen, besuchte ich Förderstunden in Deutsch. Eine neue Sprache lernen, wenn man in der alten erst begonnen hat zu sprechen – auch das ist Anfangen.

Der Krieg war vorüber, die Sicherheit eingekehrt, doch Jugoslawien war erloschen. Der nun aufgeteilte Balkan wurde, wie so viele Nationen, im Krieg geboren. Die Grenzen wurden erkämpft und neu gezogen, während Österreich im selben Jahr Mitglied der EU wurde, jener grenzenlosen neuen Utopie einer posthistorischen Welt. Der Kommunismus galt nun endgültig als besiegt, das Projekt Europa wurde besungen. Im Klavierunterricht lernte ich, „Ode an die Freude“ zu spielen, und war berauscht von der Sprache, von den „Töchtern aus Elysium“ und so fort. Ich war geborgen in diesem Europa, das mir so viel Freude und meinen Eltern so viel Arbeit machte.

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