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Angst und Kontrolle

Unlängst habe ich einen neuen Begriff gelernt: "kontrolliertes Abbrennen". Das bedeutet, dass die Feuerwehr, um bei trockener Witterung eine etwaige Feuersbrunst zu vermeiden, die Brandstiftung gleich selbst in die Hand nimmt, nur halt kontrolliert. (Seit die Feuerwehrleute wissen, dass ihre amerikanischen Kollegen "Firefighter" heißen, hat sich ihr Selbstbild vielleicht militarisiert, bei Trockenheit ist der Wasserschlauch offenbar nicht die Waffe der Wahl.) In Gloggnitz hat sich die Einsatzleitung für diese Maßnahme einige Stellen am Bahndamm ausgesucht (Funkenflug!), nur leider hat sich das Feuer der Kontrolle der Wehr rasch entzogen, und schließlich waren 13 Feuerwehren damit beschäftigt, den Folgen der Sicherheitsvorkehrung zu wehren.

Schon mancher hat gemeint, er sei kontrolliert abgebrannt, und war rettungslos pleite. Die Nutzanwendung dieses Lehrstücks ist mannigfaltig. Wir leben in einer Zeit, in der möglichst jedes Risiko ausgeschaltet werden soll, und um das zu erreichen, ist man bereit, fast jedes Risiko einzugehen. Das gilt für die private wie für die öffentliche Sicherheit - und erst recht für die nationale.

Schön ist die Hölderlin'sche Gelassenheit: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Was jedoch, wenn das Rettende umgekehrt die Gefahr erst wachsen lässt? Die Flucht nach vorn ist dumm, wenn dort der Feind steht. Manchmal, wenn sie sehr fern und unrealistisch erscheint, muss man die Gefahr erst herbeireden, "Gefahrenbewusstsein" erzeugen, ein "Bedrohungspotential" vermitteln.

Die vorbeugende Maßnahme ist längst zum Selbstzweck geworden, dabei wissen wir doch, dass das Unheil zuverlässig dort und dann über uns hereinbricht, wo und wann wir es nicht erwarten: Der Wald in Gloggnitz ist nicht am Freitag, dem 13. kontrolliert abgebrannt, sondern am Samstag, dem 14.

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