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Demokratische Säuberungsaktion

Jetzt ist also der Heldenplatz an der Reihe. Nach dem schwarzen Innenminister, der Hitlers Geburtshaus demolieren möchte, macht sich der rote Kunstminister an die Geschichtsbewältigung mit dem Reibfetzen: Er will den Heldenplatz umbenennen, in "Platz der Demokratie" oder "Platz der Republik".

Die Reinwaschung historisch "belasteter" Stadtgeografie mittels Sprachbereinigung zeugt von einem bedenklichen Verhältnis zur eigenen Geschichte, aber auch von demokratischem Kleinmut. Dabei sind Straßenumbenennungen eine Spezialität von Diktaturen. Der Heldenplatz trägt seinen Namen seit 1878, also seit beinah 140 Jahren. Er verdankt ihn den Denkmalfiguren Prinz Eugen und Erzherzog Karl, dem Sieger über Napoleon bei Aspern -zweifellos bedeutende Gestalten unserer Geschichte. Dass militärische Heldentaten heute in Europa an Prestige eingebüßt haben, ist ja erfreulich. Nirgendwo anders aber wird die Erinnerung daran deshalb aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Wer käme in London auf die Idee, den Trafalgar Square umzutaufen?

Der Heldenplatz hat natürlich noch einen anderen Makel: Hitlers Vollzugsmeldung des "Eintritts" seiner "Heimat in das deutsche Reich" vom 15. März 1938. Das Wimmelbild der Jubler lässt sich aber nicht ausradieren, indem man Straßenschilder übermalt. "der glanze heldenplatz zirka/versaggerte in maschenhaftem männchenmeere", heißt es in Ernst Jandls Gedicht "wien :heldenplatz", das die massenhysterische Konnotation des Platzes noch vor Bernhards "Heldenplatz" unauslöschlich in der Literatur verewigt hat. Und doch gab es dort 1993 auch das gegen die Fremdenhatz entzündete "Lichtermeer" der 300.000. Das "Haus der Geschichte" soll den symbolbefrachteten Ort nun neu begehbar machen. Politiker, die den dunklen Flecken mit dem Schwamm zu Leibe rücken, verheißen da nichts Gutes.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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