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Die Wahl von oben

Diesmal werde ich zum ersten Mal als Briefwählerin in Aktion treten: Ich habe mir eine Wahlkarte schicken lassen, für die Stimmabgabe im Ausland. Damit ist mir gelungen, was Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder versäumt hat. Er wird nämlich, wie er in "Treffpunkt Kultur" bekannte, am 1. Oktober "leider" in San Francisco (oder Los Angeles?) sein und nicht wählen können. Nicht versäumt hat er dafür, augenfällig zu machen, welche Partei er wohl wählen würde, könnte er. Seine Begeisterung für die Kulturpolitik der Ministerin, von deren Wohlwollen er als Museumsleiter so herrlich unabhängig ist (wenn man von seiner Vertragsverlängerung absieht), war von den Diskussionspartnern Marlene Streeruwitz und Klaus Bachler kaum zu bremsen.

Mit meiner Wahlkarte werde ich ganz Österreich mehr als eine Nasenlänge voraus sein. Ich muss zwar im Ausland wählen, aber das ist in der Luft schnell erreicht. Ich muss nicht bis zum 1. Oktober warten. Allerdings brauche ich einen Zeugen mit österreichischem Pass, der die Korrektheit der Prozedur bestätigt. Einen bösen Brief beizulegen - die Phantasie einer von mir belauschten Waldviertler Tischrunde - wird er mir wohl nicht erlauben.

Es kann gut sein, dass ich so hoch über den Niederungen der Innenpolitik einen völlig neuen Blick auf alles gewinne. Vielleicht kann ich BAWAG gar nicht mehr buchstabieren. Vielleicht lese ich in der Neuen Welt, während ich mich mit Amerikanern über Elfriede Jelinek zu verständigen suche, manches ganz anders. Zum Beispiel den bereits geflügelten Satz des Kanzlers: "Jetzt verstehe ich die Schweißperlen auf Ihrer Lippe." Ein taktisches Foul von jemandem, der selbst wegen familiären Pflegenotstands ins Schwitzen zu kommen drohte? Oder womöglich schlicht Poesie?

Um ehrlich zu sein: Ich hab mein Kreuz schon gemacht.

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