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Geldgier und Denkmalschutz

"Das Geringe bedarf oft mehr des Schutzes als das Bedeutende", heißt es in einem "Katechismus der Denkmalpflege" aus dem Jahr 1915. Während man heute in Wien über ein städtebaulich entgleistes Hochhausprojekt diskutiert, fällt ein Biedermeierhaus nach dem anderen der Bauspekulation zum Opfer. Nach wie vor wird Wien "zur Großstadt demoliert" (Karl Kraus). Demnächst soll ein Haus in der Seegasse abgerissen werden, dessen Hof einen der schönsten Gastgärten der Stadt beherbergt. Wieder ist ein Stück Alt Wien bedroht, das die Kriegsbombardements überstanden hat - wie immer ist Geldgier das Motiv, wie meist kommt das Denkmalamt zu spät. Aber auch was unter Denkmalschutz steht, ist ja noch lange nicht geschützt. Genauer: Es ist so lange geschützt, bis wirklich wichtige Eigentümer den Abriss verlangen: eine Versicherung, der Bund, das Land. Das ist ein bisschen so wie mit dem Wiener Salzstreuverbot: Das gilt grundsätzlich immer, außer wenn es schneit.

So wurde der Denkmalschutz beim Mauthner Markhofschen Kinderspital, einem Jugendstilbau, von Amts wegen aufgehoben. Jetzt wird geschleift. Natürlich: Das Denkmalamt braucht mehr Geld. Da ist der Staat gefordert, der Schutz des Erbes hat etwas mit kultureller Selbstachtung zu tun. Das Denkmalamt braucht aber auch mehr Rückgrat. Viel empfindlichere Strafen für jene, die Gesetze mit der Planierraupe niederwalzen, täten Not. Die Behörde müsste offensiver werden, mediale Verbündete suchen.

Die Geschichte von dem Rubens, der hieramts nicht als solcher erkannt und deshalb zur Ausfuhr freigegeben wurde, war da kein Ruhmesblatt: Der Präsident erklärte im nachhinein, von Rubens hätten wir eh genug. Und zum österreichischen Erbe gehöre der ja nicht.

Die Autorin ist freie Literaturkritikerin.

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