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Im Zeichen des Kipferls

Jüngst stand ich in einer Gruppe von Germanistinnen und Germanisten vor dem sogenannten Gottesplagenbild des Thomas von Villach an der Außenwand des Grazer Doms. Das Fresko aus dem Jahr 1485 zeigt die älteste Ansicht der Stadt und drei Landplagen, die sie dazumal gleichzeitig heimsuchten: die Heuschrecken, die Türken und die Pest. Einige waren entrüstet: Wie könne man denn die Türken so ohne weiteres mit Ungeziefer und Pestilenz gleichsetzen, da müsse der Begleittext doch irgendeine Erklärung, eine Relativierung, eine Kontextualisierung schaffen. In einer Wiener Volksschule durch eine steirische Lehrerin auf das gründlichste mit den beiden Türkenbelagerungen vertraut gemacht, bin ich in dieser Hinsicht deutlich weniger sensibel. Es handelt sich bei der historischen Angst vor "den Türken" ja nicht um geballte interkulturelle Vorurteile, sondern um erfahrungsgesättigte Einschätzung. Mag die abendländische Propaganda die Greueltaten der Muselmanen auch übertrieben haben, so hatte man doch gute Gründe, diese zu fürchten: die osmanischen Renner und Brenner kamen als Eroberer, sie zogen brandschatzend, mordend, vergewaltigend und plündernd durch die Lande.

Sollte man heute, da man, im Sinne eines gedeihlichen Zusammenlebens der Nachfahren, bestrebt ist, den Begriff "Türkengefahr" unter Anführungszeichen zu setzen, etwa hinzufügen: "Von den Christen des 15. und 17. Jahrhunderts wurde die spirituelle Kraft des Islam leider ebenso wenig erkannt wie die kulturelle Bereicherung durch orientalische Lebensformen." Andererseits entstammen die angeblich den Invasoren zu verdankenden Innovationen auf dem Gebiet der Genussmittelproduktion (Kaffee, Tabak, Kipferl) dem Reich der Legende. So oder so: Ich vermag nicht zu bedauern, dass Weihnachten in Wien heute nicht an der Peripherie einer Großtürkei gefeiert wird.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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