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Korruption und Propaganda

In den USA beschleunigt sich der Trend: 17 Prozent mehr Amerikaner als im Vorjahr haben sich 2011 über die Weltläufe online informiert. Während andere Medien wie Radio, Fernsehen sowie Zeitschriften ihre Marktanteile in etwa halten konnten, büßten die Tageszeitungen vier Prozent ihrer Auflage ein. Wie das "Project for Excellence in Journalism“ in seinem Jahresbericht mitteilt, bricht in noch schwindelerregenderem Ausmaß den US-Zeitungsverlagen nur noch ihr Anzeigengeschäft weg: 2011 minus sieben Prozent - d. h., es ist weniger als die Hälfte übrig als fünf Jahre zuvor.

Damit einhergehend schrumpfen die Redaktionen, journalisti sche Infrastruktur wird löchriger. Immer weniger Reporterprofis wachen über Gemeinderatssitzungen, Schoolboards und die Regierungen der 50 Gliedstaaten. So werden Machtmissbrauch und Korruption aufblühen. Ein Verleger hatte in Kalifornien die absurde Idee, Berichte über Stadtratssitzungen nicht mehr von orts-kundigen Reportern fabrizieren zu lassen. Stattdessen sollten, ungetrübt jeder Lokalkenntnis, Lohnschreiber in Indien die Sitzungen per Videostream verfolgen und die Leser in Pasadena "informieren“.

Wo professionelle Rechercheure und Filter zusehends fehlen, öffnen sich die Schleusen für Propaganda. Davon gibt auch das Rührstück Zeugnis, mit dem eine dubiose Non-Profit-Initiative dieser Tage auf den Kriegsverbrecher und Kindersoldatenführer Joseph Kony Jagd machte, der sich irgendwo in Afrika versteckt hält. Die Organisation entfachte mit einem Filmchen voller schrecklicher Vereinfachungen einen virtuellen Wirbelsturm. Allein auf YouTube wurden bislang 83 Millionen Klicks erzielt. Der Rekord ist kein Sieg des "Guten“ über das "Böse“. Er zeugt auf erschreckende Weise von der Verführbarkeit und Uninformiertheit einer Generation, die vielleicht schon bald das Lesen verlernt haben wird.

* Der Autor ist Medienwissenschafter an der Uni Lugano/CH

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