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Lob des Langschläfers

Man hätte gewarnt sein können, spätestens seit dem ÖVP-Wahlprogramm 2013: "Wir sind die Partei für die Menschen, die morgens früh aufstehen, hart arbeiten und am Ende des Monats mehr davon haben wollen."

Warum, so frage ich mich, nachdenkend über das Gold im Munde der Morgenstunde, wollen die mehr davon haben, wenn sie früh aufstehen? Es ist ja damit nicht gesagt, dass sie mehr arbeiten, ja nicht einmal, dass sie weniger lang geschlafen haben als die sogenannten Langschläfer, die korrekt Spätaufsteher heißen müssten und dafür meist später schlafen gehen. Man kann nämlich auch in der Nacht arbeiten. Man kann Asphalt aufstemmen, Straßenbahnen lenken, Kranke pflegen, Bilder malen, Bücher schreiben oder - für Prüfungen lernen, um beispielsweise sein Studium abzuschließen.

Dennoch hat der Frühaufsteher den offenbar unausrottbaren Ruf eines fleißigen, opferwilligen, gemeinnützigen Menschen. So legte Adolf Hitler, der in Wirklichkeit bis mittags zu schlafen pflegte, nicht von ungefähr Wert auf das Image des im Morgengrauen an sein Tagwerk schreitenden Staatenlenkers. Und wer heute etwas Gutes über Franz Joseph I. sagen will, betont, dass er um fünf Uhr früh bereits am Schreibtisch saß.

Ob der Mythos vom segenbringenden morgendlichen Arbeitsethos nun aus dem militärisch-industriellen Komplex kommt oder aus dem bäuerlich-klösterlichen: Er wird von Schlafforschern widerlegt, die die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit von "Langschläfern" mit jener der Frühaufsteher verglichen haben. Die "Langschläfer" gewinnen deutlich, sie gelten außerdem als kreativer und verdienen mehr. Doch vielleicht sollte man den Nutzen menschlicher Umtriebigkeit mit Blaise Pascal noch grundsätzlicher in Frage stellen: "Das ganze Unglück der Menschen kommt daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können."

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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