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Ohne Biedermeiermuster

Wie stellt man Literatur aus? Wie bebildert man Wörter? Ich glaube, es war im Frühjahr 2008, seinem Todesjahr, als Wendelin Schmidt-Dengler mir von einer "Begehung" des leerstehenden Hofkammerarchivs in der Johannesgasse erzählte. Er hatte seine Idee eines österreichischen Literaturmuseums mit der ihm eigenen hartnäckigen Begeisterung verfolgt und mit der Wahl des idealen Wunschstandortes gekrönt: in jenem Haus, in dem Grillparzer bis 1856 als Direktor amtierte, sollte dessen originales Arbeitszimmer das museale Zentrum, das Herz des rotweißroten Literaturkreislaufs bilden.

Sieben Jahre später ist es nun so weit: In den gottlob denkmalgeschützten Biedermeierregalen ist eine wunderbar reichhaltige Revue des österreichischen Dichterwortes eingerichtet. Der Bogen reicht von Ebner-Eschenbach bis Streeruwitz, von Schikaneder bis Schmatz, von Devotionalien (dem Revolver, mit dem Ferdinand von Saar sich erschoss), Autographen, Photos bis zu Tonbeispielen und Filmen: 20 Stunden brauchte man, würde man jedem Objekt nur 20 Sekunden widmen. Über die Gewichtung lässt sich wie stets trefflich streiten, etwa über das Bemühen, nur ja mustergültig "selbstkritisch" zu sein, oder über die große Bühne für die Wiener Gruppe. Natürlich bilden Museen die ideologischen Prämissen ihrer Entstehungszeit ab, die Auswahl des Gezeigten ist immer vorläufig. Das gilt auch für den prächtigen Katalog: Unter "101 Objekten und Geschichten" mag man Lieblinge vermissen - weshalb dreimal Hofmannsthal und kein Theodor Kramer?

Das Team um Bernhard Fetz, Schmidt-Denglers Nachfolger als Direktor des Literaturarchivs, hat jedenfalls Beispielhaftes zu Wege gebracht: ein bis ins Letzte durchdachtes, pfiffiges, klug verspieltes Museum, ein Haus der Geschichte mit Brücken zur Gegenwart. Schmidt-Dengler hätte es gefallen.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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