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Ortszentrum im Abseits

Fahren Sie doch wieder einmal nach Abtenau im Salzburger Lammertal. Wenn Sie den Ort von früher kennen: Der ist richtig geschrumpft. Zumindest bei der Ortseinfahrt sieht es so aus, denn da lässt das neue Einkaufszentrum das gewachsene Ortszentrum ziemlich klein aussehen. Dafür gibt es da endlich genug Parkplätze - für die war der Ort bisher zu eng und verwinkelt. Im alten Zentrum, zwischen Kirche und Altersheim, steht halt jetzt eine Ruine: das ehemalige SPAR-Geschäft. Und die Leute im Altersheim sagen: "Da sind diejenigen von uns, die noch besser beisammen sind, immer hingegangen; jetzt haben wir nichts mehr." Natürlich ist auch die Apotheke ins Einkaufszentrum übersiedelt; und die Ärzte sind auch dort. Die alten Leute leben im ruhigen Abseits - mitten im Ort. Nur den Bäcker erreichen sie noch auf ihren mühsamen Spaziergängen.

In den Städten wälzen sich schon lange die Blechkolonnen hinaus zu den großen Einkaufszentren, jetzt kommt man endlich auch bei den Landgemeinden voran mit der Zerstörung der altmodischen Infrastruktur. Die Bürgermeister sind, wie wir aus traurigen Erfahrungen wissen, Baubehörde erster Instanz, und wenn Steuer- oder vielleicht auch andere Einnahmen winken, sind sie zu vielem bereit. Und wer kein Auto hat, ist heute sowieso selber schuld.

Ich bin ja der Meinung, dass eine Moschee mit schönem Minarett besser zur Silhouette eines alpenländischen Ortes passen und einen würdigeren Kontrapunkt zur Kirche bilden würde als ein Shoppingcenter. Aber da wär schön was los! Die Einkaufs- und Autoreligion hingegen ist längst schon so selbstverständlich geworden, dass wir bald vergessen haben werden, wie eine Marktgemeinde wie Abtenau ohne ihre Tempel ausgesehen hat. Und für die Alten ist ohnedies gesorgt; warum wollen die denn noch selber in ihr Geschäft schlurfen?

cornelius.hell@furche.at

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