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Routinen der Kritik

Beim Bachmann-Wettbewerb ist es ein bisschen wie beim Fußball, wo jeder Zuschauer der geborene und jedenfalls besser qualifizierte Teamchef ist. Dass manche Kritikerinnen und Kommentatoren sich von der Jury andere Siegertexte gewünscht hätten, liegt in der Natur der Sache - des ästhetischen Urteils - und ist natürlich legitim. Aber es gibt so etwas wie eine obstinat mieselsüchtige Rundumnörgelei, deren Einwände sich mit jahreszeitlicher Berechenbarkeit wiederholen und die das erfreuliche Ereignis eines fernsehöffentlichen Disputs über Literatur prinzipiell nicht zu würdigen bereit ist. Dass heuer mit Tex Rubinowitz einer gewonnen hat, der bisher nur als Zeichner bekannt war und überdies die Attitüde des um seine Kunst ringenden Dichters verweigert, hat außerdem einige provoziert, deren Blick auf den Text durch öffentliche Images und Marken verstellt ist und die auch den Zusammenhang von Witz und Geist verkennen. Seit Heine und Morgenstern verwechselt man Humor in deutschen Landen mit Spaßmacherei und Seichtheit.

Alle Jahre wieder wird sauertöpfisch das Mittelmaß etlicher Texte beklagt, das es nun einmal braucht, um die hervorragenden daraus hervorragen zu lassen. Alle Jahre wieder weckt das ernsthafte Bemühen, den Lesenden und ihren Texten gerecht zu werden, den Wunsch nach mehr Spektakel und allerlei Neuerungen, die mit dem erprobten Prozedere eine labile Balance gefährden würden. Indem man etwa die Nominierung der Eingeladenen durch die Juroren abschafft, die, fehlt der haushohe Favorit, meist für ihre jeweiligen Schützlinge stimmen: Da hätte man, weil niemand mehr sich konkret verantwortlich fühlt, im Handumdrehen jenes fröhliche Autorenschlachten wieder, das in Klagenfurt längst überwunden schien. Und nach dem sich doch auch die frustrierteste Kritik nicht zurücksehnen kann.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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