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Wollt ihr das totale Verbot?

Nach dem Verlassen des Instituts auf dem Rutgers Campus steckt sich Paul Auster auf dem Weg zu seiner Lesung einen Zigarillo an, überquert rauchend die Straße und wirft ihn am Eingang der Bibliothek weg, mit der Geste eines Schülers, der am Klo erwischt wird. Mit seinen Drehbüchern zu Wayne Wangs "Smoke" und "Blue in the Face" - rund um Harvey Keitel als Trafikant in Brooklyn - hat Auster sein Scherflein zum Mythos des Rauchens beigetragen: Es steht für entspannte Kreativität, Laissez-faire und schwadengefilterte Lebensweisheit. Jetzt beschreibt Auster das Raucher-Leben im heutigen New York als "würdelos": "Ich kann eigentlich nur zu Hause rauchen."

So what, denkt man, verpestet er wenigstens die eigene Luft. Irgendwie aber hat die flächendeckende Herrschaft lasterloser Räume auch etwas Unheimliches. Wo ein Glas Wein zum Mittagessen schon als Symptom der Zügellosigkeit gilt, wünscht man sich ein Aufmucken der Unvernunft. Dass nach einem geselligen Essen sich die Tischnachbarn in die Winterkälte davonstehlen, dass, weil die Amerikaner alles übertreiben, selbst über die Gastgärten das Gebot klinischer Luftreinhaltung verhängt wurde, kann auch eine Nichtraucherin stören. Ginge es nur um den Schutz der Passivraucher, müssten ja spezielle Lokale für Raucher erlaubt sein. Die Gesetze bezwecken aber einen Eingriff in die Freiheit des einzelnen, sich seine Gesundheit nach eigener Façon zu ruinieren.

In den usa, dem Hort der ökonomischen Deregulierung, wird die Regulierung der Privatsphäre betrieben. Und bei uns? Da werden die Wirte weiterhin die rauchschwangere Schwade für ein Zeichen von Gemütlichkeit oder Coolness halten und die "freiwillige" Raumtrennung boykottieren - bis das totale Verbot kommt.

Die Autorin arbeitet derzeit am German Department der Universität Rutgers, New Jersey.

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