Maria Graffitti - © Foto: https://www.flickr.com/photos/146577968@N03/45103539221/

Mama Maria: Mehr als die makellose Madonna

Im Mai dreht sich in der katholischen Welt alles um die „Gottesgebärerin“ Maria. Vor allem rund um den Muttertag lohnt sich ein Wechsel der Perspektive. Ein theologischer Essay.

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Der Muttertag lebt von einem Bild, das so alt ist, wie es schön scheint – die Mutter, die liebt, sorgt, verzeiht, trägt. Wer in christlicher Tradition aufgewachsen ist, kennt das Urbild dahinter. Es steht in so gut wie jeder Kirche: Maria, die junge Frau mit dem Kind im Arm oder die Schmerzensmutter unter dem Kreuz. Das milde Lächeln, der gesenkte Blick, die Geduld. Die perfekte Mutter. Dieses Idealbild verdeckt jedoch eine Frau, der man anders begegnen kann, wenn man die Evangelien ein Stück weit gegen den Strich liest.

Gerade im ältesten der vier, im Markusevangelium, findet sich eine Szene, die kaum je gepredigt wird: Jesus ist in einem Haus, die Menge bedrängt ihn und seine Jüngerinnen und Jünger, sodass sie nicht einmal zum Essen kommen. Da hört seine Familie davon. Ihre Reaktion ist knapp und hart – sie machen sich auf den Weg, „um ihn zu ergreifen“, denn sie sagen: „Er ist von Sinnen“ (Mk 3,21). Wenig später stehen Mutter und Brüder vor dem Haus und lassen ihn hinausrufen. Jesus geht jedoch nicht zu ihnen hinaus oder bittet sie herein, sondern er blickt auf die um ihn Sitzenden und antwortet: „Siehe, meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3,34f.).

Alles Auslegungssache?

Diese Perikope – Mk 3,20f., 31– 35 – steht im Zentrum meiner vor Kurzem erschienenen Dissertation. Sie ist einer jener Texte, mit denen sich die Auslegung seit Jahrhunderten schwertut oder die sie einfach ignoriert. Der Grund liegt auf der Hand: Hier stimmt das Bild der Heiligen Familie nicht. Hier ist Maria keine stille Beterin und geduldig lächelnde Frau, sondern eine Frau, die meint, ihr Sohn sei übergeschnappt. Hier antwortet Jesus seiner Mutter nicht mit Zärtlichkeit, sondern mit Distanz. In der Fachliteratur ist man sich weitgehend einig: Eine solche Geschichte wäre um das Jahr 70, als Markus schrieb, nicht mehr frei erfunden worden. Sie wäre vor allem von den Evangelisten Matthäus und Lukas knapp 15 bis 20 Jahre später auch kaum übernommen worden, hätte sie nicht eine sehr alte Tradition hinter sich. „Tendenzsprödigkeit“ nennt das der lutherische Theologe Gerd Theißen als Kategorie für die Exegese: Der Text passt nicht zum Bild, das die Gemeinde später pflegen wollte – und genau deshalb ist er vermutlich nah an dem, was sich einmal historisch zugetragen hat.

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