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Spiel und Stil ohne Ziel

Die Gruppe erregt Aufsehen in der Fußgängerzone von Karlsbad. Etwa vierzig Leute haben sich vor einem Haus versammelt, an dem sie offenbar eine Gedenktafel aus Pappendeckel befestigt haben. Sie halten Zettel in Händen und skandieren im Chor Verse. Würde man nähertreten und die Tafel in Augenschein nehmen (was aber kein Passant tut), fände man dort, nebst dem Foto eines Dandys mit Binokel, auf tschechisch und auf deutsch vermerkt, dass in diesem Haus 1889 der Dichter Walter Serner geboren wurde, den die Nazis 1942 ermordeten. Das kollektiv vorgetragene Gedicht stammt vom Stifter-Biografen Peter Becher und gibt sich kongenial dadaistisch: "Serner, Serner, immer gerner / hör ich deine Stücke, / ich entzücke, ich beglücke alle, / die sie hören, zu betören, / zu verstören, ist mein Ziel. / Ist das viel?"

Zuerst wird auf Deutsch rezitiert (die Deutschsprachigen), dann auf tschechisch, dann sprechen beide Gruppen den Text gleichzeitig. Der Wirt des angrenzenden Lokals ist von der Darbietung so entzückt, daß er auch so einen Zettel haben will. Der mitreisende Saxophonist, eine Diva mit gutem Grund, erklärt, dass es leider zu kalt sei, um die vorgesehenen Stücke zu spielen, womit man naturgemäß noch mehr Aufsehen erregt hätte, doch er deklamiert auswendig Passagen aus Serners Dada-Manifest "Letzte Lockerung", die von teilnehmenden Dichtern aus dem Stegreif -und gereimt -übersetzt werden. Dann verteilt er Glückskeks-Sprüche mit Serner-Zitaten.

Ich finde, jede vernünftige Tagung sollte ihre unvernünftige "Aktion" haben. Völkerverständigung im Geiste des Unsinns. Sinn und Sendung der federführend vom Münchner Adalbert Stifter Verein veranstalteten "Karlsbader Literaturtage" sind darin jedenfalls in nuce enthalten. Mein Serner-Spruch lautet: "Stil ist eine Verlegenheitsgeste wildester Art."

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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