Altmeisterliche Klaustrophobie

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In Michael Kreihsl neuem Film, "Heimkehr der Jäger", zerbricht ein Maler an der Realität.

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In Michael Kreihsl neuem Film, "Heimkehr der Jäger", zerbricht ein Maler an der Realität.

Ein Krauthäuptel, ein alter, runzeliger Apfel mit Blatt, ein kunstvoll angeschnittener, mattoranger Kürbis, von links in starkem Licht ausgeleuchtet: die erste Einstellung verzaubert. "Heimkehr der Jäger" von Michael Kreihsl handelt von dieser Verzauberung, dem entrückten, sprachlosen Reiz der alten Meister. Bis zum Ende des Films werden die drei wunderbaren Gegenstände eines Stillebens verschrumpelt sein, verfault, verkommen, wie die Seele des Hauptdarstellers, der mehr und mehr an der Gegenwart der Supermärkte zerbricht.

Ulrich Tukur spielt den Kopisten im Kunsthistorischen Museum, der hingebungsvoll mit verkniffenem Blick altmeisterliche Gemälde kopiert. Jedes Stören der Stille irritiert: die in raschem Schritt durch die heiligen Hallen trampelnde Touristengruppe oder das Laufen eines Autobusmotors. Der namenlose, meist stumme Maler mit dem sprechenden Blick verzweifelt am Realen, am Lauten, an der Abweisung durch die Ex-Frau, die ihn von seinem Kind fern hält. Im Gegensatz zu ihm malt es mit Freude, unverbissen und lebendig. Die Szene des verzweifelten Papa mit Plastikschwimmtier in einer unwirtlichen Telefonzelle in der U-Bahnunterführung bleibt im Gedächtnis. Mutter und Tochter kommen nicht mehr, verschanzen sich hinter dem Anrufbeantworter.

Hilflos gewalttätig Der Protagonist gerät außer Tritt. Selbst der Frische der Toastschinkenscheibe im Kaffeehaus, Objekt abendlicher Studien, traut er nicht. Solange er noch bei einem Gemüsehändler die urwüchsigen Originale für seine Stilleben findet, gibt es noch eine letzte Beziehung zwischen Bild und Wirklichkeit, sie lässt sich ertragen. Als der Greißler schließt, bricht der Kopist zusammen, scheitert an den Granny Smith-Äpfeln im Supermarkt, den Kürbissegmenten unter Zellophan, der industriedominierten Gegenwart, die in seinem übersensiblen klaustrophobischen Blick zur alles zerstörenden Gewalt wird.

Hilflos gewalttätig reagiert er darauf, will das grauenhafte Plakat vor dem Fenster zerstören, den Supermarkt anzünden, wo das Mädchen (Julia Filimonow) arbeitet, in das er sich verliebt hat. An seiner Stummheit scheitert die Beziehung, bevor sie sich überhaupt entwickeln konnte. Ihre Schilderung ist eine Schwachstelle des Films, der dort, wo er die Welt der alten Meister, der Farben, Atmosphären und der Stille verlässt, tendenziell hölzern agiert.

Der übersensible Kopist rastet schließlich aus, reagiert auf die brutale, alles gleichmachende Supermarktkettengesellschaft, die keinen Raum mehr für schrumpelige Äpfel oder Stille hat, mit einem aussichtslosen Rundumschlag. Er entfremdet sich, verliert seine Mitte, wird mit einer Waffe aus dem Museumsinventar zum aussichtslosen, sprachlosen Amokläufer. Bedenklich, und nicht wirklich unverständlich.

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