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Auf den Hund gekommen

Das Volkstheater kapituliert mit Lars von Triers "Dogville".

Das Licht im Zuschauersaal des Volkstheaters ist noch nicht aus, wenn Regisseur Georg Schmiedleitner die Bürger von Dogville auf die offene Bühne schickt, wo sie sich zum Chor formieren und mit "We shall overcome", dem Song der Hoffnung auf Verständigung zwischen den Menschen, die zweite Spielzeit der Intendanz Schottenberg einsingen. Mehr als zum musikalischen Prolog des Stücks taugt die moderne Version eines alten Kirchenliedes, die in den 1950er Jahren zur inoffiziellen Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wurde, zur programmatischen Erklärung der aktuellen Situation des Volkstheaters. Nach der künstlerisch fragwürdigen ersten Saison ist nunmehr die Aussöhnung mit dem enttäuschten Publikum angesagt. Um es gleich vorweg zu nehmen: We shall overcome some day, aber dieser Tag scheint noch sehr fern!

Es geschieht, was leider häufig geschieht, wenn sich das Theater an das große Kino wagt. Die Vorlage wird geplündert, zerschnipselt, ausgedünnt, ganz auf die erzählte Geschichte reduziert, als ob Kunst nur aus Inhalt bestünde! Denn Lars von Triers theaterhafter, im Brecht'schen Sinne epischer Film, ist nicht nur großes Kino, sondern zuallererst ein vielschichtiges filmisches Experiment mit politischen Implikationen. Vordergründig erzählt Dogville von einem kleinen Dorf, in dem die junge Grace Zuflucht sucht. Als Gegenleistung zum gewährten Bleiberecht hilft sie jedem Bewohner, wo es gerade Not tut. Was zuerst freiwillige Hilfe war, verkehrt sich alsbald in Zwangsarbeit und Sklaverei. Schließlich wandelt Grace sich von der allen alles verzeihenden Heiligen zur schrecklich sich Rächenden. Weil Vergebung arrogant wäre, lässt Grace, damit sie sich moralisch nicht über die Mitmenschen erhebt, das ganze Dorf mitsamt den Bewohnern niederbrennen.

Näher betrachtet ist Dogville eine philosophische Parabel über die Tauschverhältnisse, Regeln, den Gesellschaftsvertrag, der die bürgerliche Gesellschaft erst konstituiert. Was aus dem Film große Kunst macht: das, was auf der Ebene der erzählten Geschichte untersucht wird, schlägt sich in der Form des Films nieder. Mit den Mitteln des Theaters thematisiert er die Form filmischer Darstellung, stellt seine Regeln aus. In diesem Sinn ist Dogville zu verstehen als Versuchsanordnung zur Erforschung ästhetischer und darüber vermittelt politischer Fragen.

Der Vorlage vermochten weder Regisseur noch Dramaturgie auch nur ein Hauch von Inspiration oder eine Idee für ein sich einmischendes Theater zu entnehmen. Schlimmer noch: hier liegt ein Kunst-bzw. Theaterverständnis vor, das einem schaudern macht und jede weitere Beschäftigung geradezu verbietet.

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