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Blunzenstricker und Herzkasperl

1945 1960 1980 2000 2020

Das Wienerische, das uns köstliche Wörter wie Heugeige, Blunzenstricker und Herzkasperl beschert, ist eine Mischkulanz aus vielen Sprachen.

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Das Wienerische, das uns köstliche Wörter wie Heugeige, Blunzenstricker und Herzkasperl beschert, ist eine Mischkulanz aus vielen Sprachen.

Wenn Sie in Wien jemand Hiafla nennt, meint er damit nicht, Sie seien ein Huftier. Vielmehr wurden sie als Dummkopf oder zumindest als ungeschickt bezeichnet. Der Hiafla ist ein etwa mannshoher Holzpfosten mit seitlich angeordneten Querstreben, auf denen das Heu zum Trocknen aufgeschichtet wird. Das Gerät wird in ganz Österreich als Hifler oder Hiefler (Hüfler) bezeichnet und ist mit dem Substantiv Haufen verwandt. Im Wienerischen findet es als Schmähwort Verwendung, sein (grammatikalisch) weibliches Pendant ist die Heugeign. Das sind Beispiele dafür, dass vor allem despektierliche Wörter aus dem ländlichen Bereich in die Stadtsprachen gedrungen sind; insbesondere Werkzeuge und Geräte, die für grobe, harte Arbeit verwendet werden - vergleichen Sie nur den Flegel und den Bengel, beides Geräte, mit denen Getreide gedroschen wird.

Die Wiener Mundart ist eine Mischkulanz aus vielen Wörtern, die uns noch aus dem Mittelhochdeutschen erhalten sind, zudem auch aus vielen Begriffen des bäurischen Bereichs. Bedenken wir, dass etwa Nußdorf, Pötzleinsdorf, Floridsdorf erst 1890 der Wienerstadt zugesprochen wurden, und dass diesen früheren Vororten hauptsächlich der Weinbau, die Viehwirtschaft, der Obst- und Gemüseanbau ihre Existenz sicherten. Und so sickerte die Sprache der Bauern, die ihre Güter in die Stadt lieferten, vorerst auf die Märkte der Stadt, veräderte sich durch deren Klientel, und mündete allmählich in die Umgangs- und Schriftsprache. Besonders zur Zeit der Monarchie wurde die Mundart vielfach auch durch das Wortgut unserer Nachbarländer geprägt, wofür ja die Mischkulanz, ein Derivat aus dem italienischen mescolanza Zeugnis gibt.

Sordindl und Skatindl Außerdem rezipierten wir etliche Begriffe aus dem Jiddischen, die trotz der andauernden Vertreibungen der Juden in unserer Sprache verankert sind. Nicht zu vergessen sind auch Randgruppen, die ihr Repertoire aus dem Rotwelsch schöpften und auch ihrerseits der Wiener Gaunersprache immer wieder neues Kolorit verschaffen. Dazu noch bewirken etwa das soziale Gefälle, verschiedene Berufszweige, die Medien, die Werbung und das Freizeitangebot, besonders im Bereich des Sports, eine Verästelung des Dialekts in sogenannte "Soziolekte".

Zu guter Letzt tragen auch die Jugendlichen mit sprachlichen Neuschöpfungen (Neologismen) zur Veränderung der Sprache bei. Dabei sind der Phantasie und der Spontaneität keine Grenzen gesetzt, sodass die Mundart Veränderungen und Neuerungen erfährt und in solcher Weise fortlebt. Und wenn dann die heutige Jugend ins gesetztere Alter kommt, wird sie sich über neue "Modewörter" alterieren, und dann werden wiederum ihre Kinder die Modewörter der Alltagssprache und letztlich auch der Mundart zuführen.

Kennen Sie ein Sordindl? Ich kannte es nicht, bis mir das Wort schließlich bei der Lektüre der Nestroyschen "Früheren Verhältnisse" ins Auge fiel: Durch die Endbetonung der Nachsilbe -indl kann man jedenfalls auf eine italienische Wurzel schließen. Vielleicht kennen Sie vom Tarockspiel das Skatindl. Es ist eine wertlose Karte, die man wegwirft (italienisch: scartare, wegwerfen). Oder das Karafindl, das, aus dem italienischen caraffina entlehnt, die Verkleinerungsform der Karaffe darstellt. Es ist also der kleine Tischständer mit dem Essig- und Ölfläschchen zum Marinieren des Salates. Unser Sordindl aber, das sich von einem italienischen Adjektiv sordo (dumpf, gedämpft) herleitet, ist der Dämpfer der Violine.

Das d ist hier ein sogenannter Gleitlaut, der uns das Wort fließender aussprechen lässt, wie wir es bei der Mariandl, beim Kanderl und beim Weinderl kennen. Oder beim zu Sylvester obligaten Marzipanschweinderl.

Fürs Weinderl und fürs Schweinderl braucht man auch die gehörige Marie: Die Herkunft dieses aus der Gaunersprache in die Alltagssprache gedrungenen Synonyms für Geld ist nicht eindeutig geklärt. Am häufigsten wird der goldene Mariatheresientaler als Etymon (Stamm- oder Wurzelwort) herangezogen. Manche denken auch an maro, das im "Großen Wörterbuch der Zigeunersprache" des bundesdeutschen Philologen Siegmund A. Wolf mit Brot übersetzt wird. Gegen diese Hypothese spricht allerdings, dass es im Wienerischen kaum Entlehnungen aus Zigeunersprachen gibt, was sich allein schon aus der despektierlichen Haltung der Bevölkerung den Roma gegenüber erklärt. Auch der Leiter des Wiener Roma-Verbandes, Rudolf Sarközi, konnte mir in dieser Hinsicht keine gänzlich befriedigende Antwort erteilen.

Was ist also mit der Marie? Bei Eigennamen ist es besonders schwierig, da ihre metaphorische Verwendung ja spontan auftaucht. Ich habe eine - wie ich glaube - zumindest interessante Lösung gefunden, und zwar bei Bartel F. Sinhuber ("Zu Besuch im alten Prater"): Er erzählt von den Tanzvergnügungen im Prater um die Mitte des 19. Jahrhunderts: "Nach jeder Runde wurde ein Obolus von fünf Kreuzern kassiert. Dabei war es nicht ungewöhnlich, wenn statt dem Tänzer die Tänzerin die Gebühr für den ,5-Kreuzer-Tanz' erlegte, insbesondere die schlechtbesoldeten Soldaten ließen sich von ihrer Begleiterin, häufig von einem Stubenmädchen oder einer böhmischen Köchin, freihalten. Nicht selten hatten diese den beliebten Namen Marie". Und vielleicht gab es da einen Praterstrizzi oder einen Hutschenschleuderer a la Liliom, der sich diese Usance zueigen machte und aus seiner kleinen, miesen Welt als Erfinder des kategorischen "Hea mit da Marie!" in die Unsterblichkeit der Wiener Mundart einging.

Vom Prater geht's jetzt nach Hernals und dann (selbstverständlich) zum Heurigen: Wenn einst Kinderaugen die Buntheit des vielbesuchten Kalvarienbergmarkts bestaunten, galt ihr Sehnen dem türkischen Honig, den Champagnerflocken, die auch bei heutigen Kindern als Zuckerwatte oder gesponnener Zucker begehrt sind. Und es gab noch das picksüße Hölzel, ein Holzstangerl, das in verdickten (pickigen) Süßstoff getaucht war. Das Süße daran war die Lakritze, die wir aus einem mittellateinischen liquiritia, Süßwurzel, Süßholz, entlehnt haben.

Winsl und Glampfm Im Jahr 1873 war's, als die Brüder Johann und Josef Schrammel ihre Winsln (Violinen) packten, und einen gewissen Anton Strohmayer aufnahmen, der die Glampfm (Klampfe), die Gitarre schlug, die man auch abfällig Hungadsupfm (Hungerzupfen) oder Weschbracka (Wäschepracker, -klopfer) nannte. Und zu diesem Terzett gesellte sich 1886 noch ein Georg Dänzer, der seiner G-Klarinette (Piccoloklarinette) anheimelnde, süße Töne hervorzulocken wusste. Und das war dann das bicksiasse Hödsl, mit dem man die großen Kinder erfreute.

Bei einem Streifzug durch das alte Wien müssen wir aber auch in einem Beisl einkehren. Ich schlage den "Noarndatl" vor: Dieses Kompositum aus Noar (Narr) und Datl, einem Diminutiv zu Datara (Tatterer), dem Zitterer, galt zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur als Synonym für einen närrischen Kerl, der leicht die Contenance verliert; es gab auch einen leibhaftigen Träger dieses "Cognomens", einen Wiener Gastwirt, mindestens von der Popularität des köstlichen Neugröschl aus der Tante Jolesch. Er ging als lebende Legende sogar in die Literatur ein. Ferdinand Raimund nennt in "Der gefesselten Phantasie" den Harfenisten Nachtigall wegen seiner Grobheit den "zweiten Narrendattel".

Weit außerhalb der Stadt, "auf der Wiesen", wie man damals das Lichtental nannte, betrieb nämlich seit dem Jahre 1800 ein Wirt namens Johann Lochner eine Gastwirtschaft. Und die Grobheit des Wirts war so sprichwörtlich, dass "tout Vienne" dieses Original bestaunen wollte. Es galt geradezu als Ehre, von ihm nicht nur mit Speis und Trank traktiert zu werden. Der berühmte Josef Richter, der Verfasser der "Eipeldauerbriefe", verkehrte bei ihm, was den bereits vorhandenen Bekanntheitsgrad des Lokals und seines Trakteurs ("Patrons" würden die heutigen Gastronomiekritiker sagen) noch vergrößerte. Der seinerzeit vielgepriesene und ebenso vielgeschmähte "Vielschreiber" Joachim Perinet verfasste ein Lustspiel "Die Zusammenkunft beim Narrendattel", das im Juli 1811 am Leopoldstädter Theater in Anwesenheit Lochners aufgeführt wurde. Schließlich trug zur Volkstümlichkeit dieser Wiener Spezies auch ein Lied mit dem gleichen Titel bei, das als Flugblatt von Hand zu Hand ging und ein echter Gassenhauer wurde.

Typisch ist auch die ständige Todesangst, die den Wiener und seine Idiome kennzeichnet. Man kaschiert sie allerdings durch gekünstelte Leichtlebigkeit, durch eine Art von "A-wos-Mentalität". Zum Beispiel beim Heurigen, den Hermann Broch ein "ständiges, fröhliches Apokalypserl" nennt. Und mit dieser unbeschwerten Lebensmaxime nach dem Motto "Verkauft's mei G'wand, i foar' in Himmel!" verniedlichen wir, auch mit einem genuinen Hang zur Selbstironie, den Herzkollaps zu einem Herzkaschperl.

Das neuerdings etwas abhandengekommene Gefühl der Nostalgie wird sich durch wahrscheinlich unvermeidliche Amerikanismen und Anglizismen irgendwann auch wieder in der Sprache äußern und so will ich zum Schluss eine menschliche Figur, die von der Maschine verdrängt worden ist, kurz wieder zum Leben erwecken, nämlich den Bluntsnschdricka: Der Kabarettist, Jurist und Germanist Peter Wehle hatte bei diesem Synonym für einen dummen, einfältigen Menschen eine recht originelle Assoziation. Seine Erklärung lautet: "Es muss schon in Alt-Wien Surrealisten gegeben haben". Er dachte dabei wohl an eine männliche Person mit der surrealen Ambition, am heimischen Herd Blutwurst zu stricken.

Bluntsnschdricka Tatsächlich aber ist das Blunzenstricken eine durchaus lebensnahe, reale Handlung, nämlich das Abfüllen und Abpassen der Blunzen, womit man auch eher einfältige Personen betrauen kann. Maria Hornung kann man weder zu einfältigen Personen noch zu Surrealistinnen zählen: Die Doyenne der österreichischen Dialektologie und Autorin des "Wörterbuchs der Wiener Mundart" (1998, Österreichischer Bundesverlag), hat während ihrer Feldforschungen manu propria Blunzen gestrickt. Ihre eintönige, unangenehme Arbeit hat darin bestanden, den mit siedend heißer Blutmasse gefüllten Darm in bestimmten Abständen mit einem Knoten abzubinden. Wehle sah nur die Tätigkeit des Strickens und nicht das mittelhochdeutsche Zeitwort stricken, das soviel wie festschnüren, binden bedeutet.

Der Autor beschäftigt sich seit rund einem Vierteljahrhundert mit der Wiener Mundart und schreibt an einem Buch, das heiter bis blödelnd Wienerisches und neue Etymologien zum Inhalt hat. Er ist Mitverfasser der geplanten erweiterten Neuauflage des "Wörterbuchs der Wiener Mundart".

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