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Das Argument mit der Faust

Franzobel hat mit seinem jüngsten Stück "Der Boxer oder die zweite Luft des Hans Orsolic“ ein richtiges Wiener Volksstück geschrieben. Es handelt von einem aus dem Volk, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat, um am Ende doch wieder umso tiefer zu fallen. Der Titelheld dieser Biografie der Extreme ist die 1947 in ärmlichen Verhältnissen geborene österreichische Boxlegende Hans Orsolic. Der im Volksmund liebevoll Hansi gerufene Sohn eines Ottakringer Hausmeisters begann im Alter von zwölf Jahren mit dem Boxen, wurde 1965 mit 19 zum ersten Mal Europameister. Er gewann 42 von 53 Profikämpfen, bevor er seine kurze von Alkoholexzessen begleitete Karriere mit 28 beendete. Was danach kam, war der scheinbar unaufhaltsame soziale Abstieg. Er verfiel immer mehr dem Suff, landete insgesamt nicht weniger als 14 Mal im Gefängnis, meist wegen Körperverletzung. Mit seinem Gasthaus ging er Pleite, nicht nur weil er nie Steuern bezahlte, sondern weil er zu viele Freunde hatte und stets sein bester Kunde war.

Aus diesem (man ist versucht zu sagen: typischen) Boxerleben hat Franzobel ein manchmal besinnliches, fast sentimentales und bisweilen schrilles Stück im Stile eines Stationendramas geschrieben, das wienerischer kaum sein könnte. Regisseur Niklaus Helbling ist - obwohl er zwei Tage vor der Premiere wegen "inhaltlicher Schwierigkeiten“, wie es in der etwas dürren Verlautbarung des Burgtheaters hieß, das Handtuch warf (um im Bild zu bleiben) - eine stilistisch heterogene, zwischen Sentimentalität, Tragik und Groteske schwebende, insgesamt aber sehenswerte Inszenierung gelungen.

Sehenswerte Inszenierung

Mit wenigen Mitteln zeichnet er die Lebensstationen und das Milieu mit den falschen Freunden und den Frauen im Leben des Hansi Orsolic nach: die Hausmeisterwohnung mit den kleinbürgerlich-proletarischen Eltern (Barbara Petritsch, Peter Wolfsberger), der schäbige Boxclub wo Dietmar König als zwielichtiger Trainer nicht immer nur das Beste für seinen Schützling im Auge hat, die Orte der großen Siege und Niederlagen mit einer großartigen, als Totentanz gestalteten Ko-Niederlage im entscheidenden Kampf, das Gefängnis, das Wirtshaus mit den Trinkgelagen und Prügeleien (wunderbar Juergen Maurer). Letztere hebt Helbling durch Zeitlupe immer wieder aus dem Gang der Dinge heraus, als läge darin Orsolics Ruhm und Elend: das Argument mit der Faust.

Und schließlich ist da Johannes Krisch in der Titelrolle. Er spielt nicht, er ist Hans Orsolic. Mit großer Empathie gibt er den leichtgläubigen, ungehobelten, auf fast sympathische Weise charakterschwachen Schläger. Franzobel hat ihm, welch wunderbarer Einfall, einen Schatten gegeben. Sarah Viktoria Frick als "Puck“ spielt die nur für Orsolic sichtbare Figur, seine innere Stimme, die das Unbeholfene, menschlich Unstete, Gebrochene, das Suchende der Figur, die immer nur "er selbst“ sein wollte, auf bisweilen komische und sentimentale Art erfahrbar macht.

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