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Das darf man nicht

Um adäquat über das sprechen zu können, was Jan Böhmermann im ZDF dem türkischen Präsidenten angetan hat und wofür er nun gar vor Gericht soll, müsste man es zuerst einmal verstehen. Müsste verstehen, was eine Satire und was ein Pamphlet ist. In Deutschland tut man sich damit höllisch schwer. Wer deutsche Politsatire im Fernsehen konsumiert, kann sich über das Zahnlose und lähmend Halblustige des Gebotenen nur wundern. Auf diesem Niveau bewegte sich auch die erste, vom NDR ausgestrahlte Attacke: "Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast." Na ja.

Böhmermann hat das in seiner Sendung aufgegriffen und dem Präsidenten erklärt, dass man so was in Deutschland machen dürfe, aber zum Beispiel eine "Schmähkritik" wie die folgende nicht. Ein einfacher, aber wirkungsvoller Trick, ein Mittel der Satire. Was folgte, war ein Pamphlet. Eine unflätige, maß-und geschmacklose Beschimpfung, kein sexualstrafrechtlich ernstgemeinter "Vorwurf" und schon gar nicht "rassistisch", sehr wohl aber ein Rekurs auf orientalische Männerfluchphantasien, mit Reverenz übrigens gegen die österreichische Kriminalgeschichte: "Pervers, verlaust und zoophil, / Recep Fritzl Priklopil. / () Der Kurden tritt und Christen haut / und dabei Kinderpornos schaut." - Man könne nur hoffen, so Böhmermann, dass das jetzt niemand ins Internet stelle. Das geht zu weit? Natürlich: "Das Pamphlet ist ein vehementer Frontalangriff, um eine in Ruhe und Ansehen thronende Macht zu erschüttern. Sehr wahr, der Pamphletist ist ein Friedensbrecher. Gegenstand des Pamphlets ist der Kampf gegen die unverfolgbaren Verbrechen der Großen." Der Wiener Anwalt Walther Rode, wie Karl Kraus ein Meister des Pamphlets, wusste auch: "Den Pamphletisten kann man töten, aber weder einschüchtern, noch absetzen."

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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