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Die Chance zur Umkehr

Jahrzehnte hindurch sind wir damit beschäftigt, unsere Wut zu formulieren und unserem Zorn Luft zu machen. Künstler wurden zu Chronisten des Weltunterganges, zu verkrampften Weltverbesserern, zu Geschäftemachern der Spaßkultur.

Kaum jemand vermag sich der Lust am Untergang zu entziehen. Nestroys still genießender Alkoholiker, der Schuster Knieriem, ist zu unserer Leitfigur geworden. Seine Lebensweisheit bezieht er aus dem Aberglauben eines baldigen Zusammenstoßes der Erde mit einem Kometen. Der Knieriem von heute hat seine zutiefst pessimistische Lebenseinstellung vollends dem Materialismus geopfert. Knieriem ist heute liederlich geworden. Was aber, wenn einst so geniale Geschöpfe nichts mehr von der Größe des Menschen und des Universums in sich verspüren und sich nicht in vergeistigter Unendlichkeit, sondern nur noch in Weingeist ertränken? Welch klägliches und dumpfes Scheitern. In den Symphonien von Gustav Mahler etwa werden Zerfall und Zerstörung vorausgeahnt und doch ist in den Adagios eine so tiefe und unaussprechliche Sehnsucht nach verlorener Schönheit, nach Harmonie und Erlösung spürbar.

Kunst kann uns den Weg in eine andere Welt weisen. Der Weg wird freilich das Ziel sein. Ödipus, der Mensch - wie ihn das antike Theater zeigt - schändet seine Mutter, die das Symbol für die Erde ist; tötet den Vater, der für den Geist steht und blendet sich selbst. Der Blinde aber wird auf seinen Irrwegen zum eigentlich Sehenden und erlöst. Dieses vorchristliche Mysterienspiel steht am Anfang unseres Welttheaters.

Die reinigende Kraft seiner verschlüsselten Botschaft bewegt uns noch heute. Hinter Gräueltaten wie Vatermord oder Selbstblendung steht der Glaube an den Menschen. Hinter dem Geschäft mit den täglichen Abscheulichkeiten in den Massenmedien von heute stehen Abgestumpftheit und Leere, die sich eines Tages nicht mehr vermarkten lassen. Vielleicht liegt dort die Chance zur Umkehr.

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