Kaum ein anderer Mythos hat uns so geprägt wie jener von Ödipus, dem Tyrannen, dem modernen ausschließlich auf sich selbst bezogenen Menschen. Einer, der die Mutter, die Erde, das Gefühl schändet und den Vater, das alte Wissen und die alte Ordnung erschlägt. Der sich blendet, um den Weg zu sich selbst zu finden. Der außer Kontrolle geratene Egomane, der gefühlsmäßig seine Umwelt nicht mehr erfassen kann. Dieser Ödipus ist in uns selbst und um uns. Etwa in der Person des gefeuerten Burgtheaterdirektors. Beim Berliner Theatertreffen stellte sich der für die katastrophalen finanziellen Zustände Mitverantwortliche als Opfer hin und hatte die unglaubliche Geschmacklosigkeit, nach einer von ihm gestalteten Veranstaltung mit Überlebenden des Holocaust nur über sich zu sprechen. Es komme ihm jetzt so vor, dass alles nur ein böser Traum gewesen sei. Auch der zweifellos mitverantwortliche und noch immer amtierende Holdingchef lobte sich erst vor kurzem selbst und pries die zu hinterfragende Organisationsform.

Überhaupt nimmt das Selbstlob von Managern, Direktoren oder Politikern beängstigend zu. Ihre Sprache ist meist ebenso unverständlich wie die von ihnen verantwortete Schuldenhöhe und der Dschungel ihrer Organisationsformen. Sie haben sich längst in sich selbst zurückgezogen. Sie regieren und feiern sich selbst und werden, auch wenn sie noch so laut schreien, von denen draußen nicht mehr gehört. Sie haben noch nichts zu befürchten. Die sich von ihnen unterscheidenden sind in der Minderheit. Jene unberechenbaren Individuen, die ihre Karriere nicht dubiosen Vereinen und Parteien verdanken, sondern ihrem eigenen Können, ihrem Mut und ihrer Erfahrung. Menschen mit Ecken und Kanten, Widersprüchen und Gefühlen, selbstkritisch und kritisch zugleich, kreativ und gebildet. Menschen, die man in alten Zeiten Demokraten genannt hat.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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