Die neue Reife in Deutsch

Hätte man mir - ich habe 1982 maturiert - in meiner Schulzeit prophezeit, man würde sich eines Tages mithilfe von "Offenen Briefen" und "Zusammenfassungen" von genau abgezählter Wortanzahl die Reife in Deutsch erschreiben, ich hätte es nicht geglaubt. Wie war das möglich, diese Wende an den Schulen in relativ kurzer Zeit zu erzwingen, den Schwenk von der Bildung durch Literatur zu einem textzentrierten Coaching für die Erfordernisse des Arbeitsmarktes? Wo doch im Fach Deutsch so viele Lehrer, Eltern und Schüler dagegen waren und sind? Weil, fürchte ich, die Schule trotz allen Beteuerungen und weichgespülten Sprachcodes bei weitem nicht so demokratisch und offen ist, wie die Maßgebenden behaupten, sondern auf eine zeitgemäß verbrämte, aber nicht minder wirkungsvolle Weise hierarchisch und autoritär. Ich habe auf Fortbildungsseminaren noch niemanden getroffen, der von den neuen Lernzielen und ihrer gründlichen Einübung begeistert gewesen wäre. Wie soll ein Unterricht, der den Lehrern keine Freude mehr macht, den Schülern Freude machen? Die in ihrer Sinnhaftigkeit niemals breit diskutierte Einführung der Zentralmatura hat die gesamte Oberstufe de facto zu einem Maturavorbereitungskurs degradiert. Die Lehrpläne sind entrümpelt, die Substanz wurde gleich mitentsorgt. In den Lesebüchern überlebt ein streng gesiebter Kanon, ein bisschen Goethe, ein bisschen Schiller, kein Stifter, kein Grillparzer, keine Ebner-Eschenbach, bestenfalls ein paar Gedichte von Eichendorff.

Dass Wissenserwerb in der heutigen Pädagogik verpönt ist, hat einen versteckten Aspekt des Affirmativen. Schließlich ist die Literatur der Ort und das Mittel, so etwas wie Widerspruchsgeist zu entwickeln. Literatur macht keine besseren Menschen aus uns, aber oft wohl klügere, aufmerksamere, wachere - manchmal sogar glücklichere.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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