Digital In Arbeit
Feuilleton

Die Ökonomie als Scharlatanerie

1945 1960 1980 2000 2020

Michel Houellebecq entlarve in seinen Romanen das liberale Wirtschaftssystem, meinte der französische Wirtschaftswissenschafter und Publizist Bernard Maris und schrieb darüber ein Buch.

1945 1960 1980 2000 2020

Michel Houellebecq entlarve in seinen Romanen das liberale Wirtschaftssystem, meinte der französische Wirtschaftswissenschafter und Publizist Bernard Maris und schrieb darüber ein Buch.

Nicht nur die Ökonomie, sondern vor allem die Provokation scheint den französischen Wirtschaftswissenschafter und Publizisten Bernard Maris mit Michel Houellebecq verbunden zu haben. In seinem 2014 in Paris und nun postum auf deutsch erschienenen Buch "Houellebecq Économiste" zeigt Maris die Wirtschaftswissenschaft der Dummheit und die Wirtschaft des Mordes, als Beleg dazu dienen ihm Michel Houellebecqs Romane. Das Ergebnis seiner etwas eigenartigen Methode ist bei aller Fragwürdigkeit des Umgangs mit Literatur durchaus der Lektüre wert, vor allem dort, wo Maris seinen Text spritzig und provokant als Pamphlet verfasste.

Pointiertes Schreiben

Pointiert schreiben konnte Bernard Maris, nicht nur Fachbücher und Essays, sondern auch Romane. Und unter dem Pseudonym "Oncle Bernard" hatte der Professor am Institut für Europastudien an der Universität Paris unter anderem für das Satiremagazin Charlie Hebdo geschrieben. Am 7. Jänner 2015 war Maris in der Redaktion anwesend - er wurde beim Terroranschlag zusammen mit den anderen Redakteuren ermordet.

Die Ökonomen agieren wie eine Sekte, so beginnt Maris sein Buch. Sie kauen immer wieder "dieselben hermetischen und verschwommenen Phrasen" wieder, schwer verständliche Wörter, abstrakte Begriffe und Zahlen, man versteht nichts davon, nimmt aber ihre Widersprüche hin. Die Hintergrundgeräusche, die sie produzieren - abgedroschene Gassenhauer "von Wachstum, Arbeitslosigkeit, Wettbewerbsfähigkeit oder Globalisierung", "Ohrgeräusche des quantifizierenden Denkens - Geschäftsführung, Management, Anlage, Rente, Versicherung, Wachstum, Beschäftigung, BIP, Konkurrenz, Werbung, Wettbewerbsfähigkeit, Handel, Export et cetera" - verschmutzen die Gesellschaft. Eine "ideologische Scharlatanerie" sei die Wirtschaftswissenschaft, poltert Maris gegen seine eigene Zunft: "Ökonom ist derjenige, der stets in der Lage ist, ex post zu erklären, warum er sich einmal mehr geirrt hat."

Houellebecq impfe mit seiner Literatur gegen die Wirtschaft, er erzähle in seinen Romanen von Wirtschaft, "und er erzählt auf bessere Weise davon als die Ökonomen, denn er ist Schriftsteller." Er kenne nur die Bücher des Autors, schreibt Maris, obwohl er mit Houellebecq befreundet war. "Aber ich habe gehört, dass er etwas von Informatik, Logik und Naturwissenschaften versteht." Die Gesellschaft werde von der Wirtschaft getötet, das sei endlich einmal vorhersehbar: Das sei Houellebecqs Prognose, die Maris' Zustimmung findet: "Den Mörder zu entlarven ist eine gute Sache."

Derart rhetorisch aufgerüstet beginnt Maris seinen Prolog, doch auf Dauer ermüdet der mantraartig wiederholte Hinweis auf die Dummheit etwas. Bei seiner Romanlektüre trifft Maris keine Unterscheidung, was der Autor meint oder was eine seiner Figuren oder der jeweilige Text sagt. Er scheint es nicht für nötig zu befinden, da er ohnehin weiß, was Houellebecq denkt. Also kann er es in seine Romane hinein-bzw. aus ihnen herauslesen, und so schiebt sich eins ins andere, Literatur und Statement: Einmal erzählt Maris die Handlung nach, ein anderes Mal zitiert er Figuren, dann wieder den Autor, um zu belegen, dass Houellebecq von der Unumkehrbarkeit des Verfallsprozesses erzähle, während die liberale Wirtschaft auf der Umkehrbarkeit der Zeit bestehe, denn am Ende komme ja ohnehin immer wieder alles in Ordnung, stelle sich das Gleichgewicht wieder her -"nur dass in der Zwischenzeit die Welt möglicherweise verwüstet wurde."

Vergänglichkeit und Liebe

Lohnenswert ist die Lektüre des Büchleins jenseits der kritischen Abrechnung mit der liberalen Wirtschaft und ihren Denkern allemal, weil es wegführt von üblichen Lesarten à la Houllebecq als Enfant terrible, der mit sexistischen Erzählperspektiven und anderem provoziere. Maris stellt seinen Freund als Autor dar, der die Vergänglichkeit thematisiert und die im Kapitalismus verloren gegangene Sehnsucht nach Liebe.

Maris' These, dass die ungezügelte Gier nach Geld das wahre Begehren nach Liebe vergessen lässt, findet er von Houellebecqs Romanen -von "Ausweitung der Kampfzone" bis "Karte und Gebiet" - erzählt. Dazu schleust Maris auch biografische Andeutungen ein. "Der Hass der anderen, seiner Mutter, der Folterknechte im Schlafsaal des Jungen, der mit dem Mädchen tanzt, das er begehrt, das Leiden, die Tränen waren ewige Brandmale und der Nährboden seiner Poesie. Die Unmenschen haben ihn gelehrt, sich selbst ebenso wenig zu lieben wie das Leben."

Nicht nur die Ökonomie, sondern vor allem die Provokation scheint den französischen Wirtschaftswissenschafter und Publizisten Bernard Maris mit Michel Houellebecq verbunden zu haben. In seinem 2014 in Paris und nun postum auf deutsch erschienenen Buch "Houellebecq Économiste" zeigt Maris die Wirtschaftswissenschaft der Dummheit und die Wirtschaft des Mordes, als Beleg dazu dienen ihm Michel Houellebecqs Romane. Das Ergebnis seiner etwas eigenartigen Methode ist bei aller Fragwürdigkeit des Umgangs mit Literatur durchaus der Lektüre wert, vor allem dort, wo Maris seinen Text spritzig und provokant als Pamphlet verfasste.

Pointiertes Schreiben

Pointiert schreiben konnte Bernard Maris, nicht nur Fachbücher und Essays, sondern auch Romane. Und unter dem Pseudonym "Oncle Bernard" hatte der Professor am Institut für Europastudien an der Universität Paris unter anderem für das Satiremagazin Charlie Hebdo geschrieben. Am 7. Jänner 2015 war Maris in der Redaktion anwesend - er wurde beim Terroranschlag zusammen mit den anderen Redakteuren ermordet.

Die Ökonomen agieren wie eine Sekte, so beginnt Maris sein Buch. Sie kauen immer wieder "dieselben hermetischen und verschwommenen Phrasen" wieder, schwer verständliche Wörter, abstrakte Begriffe und Zahlen, man versteht nichts davon, nimmt aber ihre Widersprüche hin. Die Hintergrundgeräusche, die sie produzieren - abgedroschene Gassenhauer "von Wachstum, Arbeitslosigkeit, Wettbewerbsfähigkeit oder Globalisierung", "Ohrgeräusche des quantifizierenden Denkens - Geschäftsführung, Management, Anlage, Rente, Versicherung, Wachstum, Beschäftigung, BIP, Konkurrenz, Werbung, Wettbewerbsfähigkeit, Handel, Export et cetera" - verschmutzen die Gesellschaft. Eine "ideologische Scharlatanerie" sei die Wirtschaftswissenschaft, poltert Maris gegen seine eigene Zunft: "Ökonom ist derjenige, der stets in der Lage ist, ex post zu erklären, warum er sich einmal mehr geirrt hat."

Houellebecq impfe mit seiner Literatur gegen die Wirtschaft, er erzähle in seinen Romanen von Wirtschaft, "und er erzählt auf bessere Weise davon als die Ökonomen, denn er ist Schriftsteller." Er kenne nur die Bücher des Autors, schreibt Maris, obwohl er mit Houellebecq befreundet war. "Aber ich habe gehört, dass er etwas von Informatik, Logik und Naturwissenschaften versteht." Die Gesellschaft werde von der Wirtschaft getötet, das sei endlich einmal vorhersehbar: Das sei Houellebecqs Prognose, die Maris' Zustimmung findet: "Den Mörder zu entlarven ist eine gute Sache."

Derart rhetorisch aufgerüstet beginnt Maris seinen Prolog, doch auf Dauer ermüdet der mantraartig wiederholte Hinweis auf die Dummheit etwas. Bei seiner Romanlektüre trifft Maris keine Unterscheidung, was der Autor meint oder was eine seiner Figuren oder der jeweilige Text sagt. Er scheint es nicht für nötig zu befinden, da er ohnehin weiß, was Houellebecq denkt. Also kann er es in seine Romane hinein-bzw. aus ihnen herauslesen, und so schiebt sich eins ins andere, Literatur und Statement: Einmal erzählt Maris die Handlung nach, ein anderes Mal zitiert er Figuren, dann wieder den Autor, um zu belegen, dass Houellebecq von der Unumkehrbarkeit des Verfallsprozesses erzähle, während die liberale Wirtschaft auf der Umkehrbarkeit der Zeit bestehe, denn am Ende komme ja ohnehin immer wieder alles in Ordnung, stelle sich das Gleichgewicht wieder her -"nur dass in der Zwischenzeit die Welt möglicherweise verwüstet wurde."

Vergänglichkeit und Liebe

Lohnenswert ist die Lektüre des Büchleins jenseits der kritischen Abrechnung mit der liberalen Wirtschaft und ihren Denkern allemal, weil es wegführt von üblichen Lesarten à la Houllebecq als Enfant terrible, der mit sexistischen Erzählperspektiven und anderem provoziere. Maris stellt seinen Freund als Autor dar, der die Vergänglichkeit thematisiert und die im Kapitalismus verloren gegangene Sehnsucht nach Liebe.

Maris' These, dass die ungezügelte Gier nach Geld das wahre Begehren nach Liebe vergessen lässt, findet er von Houellebecqs Romanen -von "Ausweitung der Kampfzone" bis "Karte und Gebiet" - erzählt. Dazu schleust Maris auch biografische Andeutungen ein. "Der Hass der anderen, seiner Mutter, der Folterknechte im Schlafsaal des Jungen, der mit dem Mädchen tanzt, das er begehrt, das Leiden, die Tränen waren ewige Brandmale und der Nährboden seiner Poesie. Die Unmenschen haben ihn gelehrt, sich selbst ebenso wenig zu lieben wie das Leben."