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Die "Segnungen" des Kolonialismus

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"Der Schamane und die Schlange" erzählt anhand der Reisen zweier westlicher Wissenschaftler zum Amazonas eindrücklich von der Zerstörung indigener Kulturen.

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"Der Schamane und die Schlange" erzählt anhand der Reisen zweier westlicher Wissenschaftler zum Amazonas eindrücklich von der Zerstörung indigener Kulturen.

Anfang des 20. Jahrhunderts drang der deutsche Anthropologe Theodor Koch-Grünberg in den Amazonasdschungel vor, rund 40 Jahre später erforschte der nordamerikanische Biologe Richard Evan Schultes dieselbe Region. Beide wurden vom gleichen Schamanen begleitet und beide hinterließen Aufzeichnungen über ihre Reisen.

Auf Basis dieser Reisetagebücher erzählt der Kolumbianer Ciro Guerra in seinem letztes Jahr in Cannes preisgekrönten und heuer für den Oscar nominierten dritten Spielfilm nicht hintereinander, sondern parallel von diesen mehrere Jahrzehnte auseinander liegenden Expeditionen und lässt die Reisen immer wieder ineinander fließen.

"Apocalypse Now" am Amazonas

Keine Außenwelt gibt es hier, sondern von der ersten Einstellung an lassen Guerra und sein Kameramann David Gallego in atmosphärisch starken Schwarzweißbildern, die einen suggestiven Sog entwickeln, den Zuschauer in die ebenso faszinierende wie fremde Welt eintauchen. Auf der Suche nach der Wunderpflanze Yakruna dringen die Forscher wie Martin Sheen in Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" oder Klaus Kinski in Werner Herzogs "Aguirre" immer tiefer in den Dschungel vor. Nie bekommt man dabei einen Überblick, denn immer ist die Kamera auf Augenhöhe der Reisenden, erst gegen Ende vermittelt sie in grandiosen Luftaufnahmen einen Eindruck von der Weite des Gebiets.

Die Reise in den Dschungel wird dabei auch zu einer Erkundung der Zerstörung der indigenen Kultur durch den Westen. Denn eine Kautschukplantage, auf der die Ureinwohner ein Sklavendasein führen, passiert Koch-Grünberg ebenso wie eine Missionsstation, in der von den Padres, nicht nur die Religion der Indigenen, sondern auch deren Sprache verteufelt wird.

Schultes wird hier Jahrzehnte später einen seltsamen Gottesstaat vorfinden, in dem ein selbsternannter Messias wie Marlon Brando in "Apocalypse Now", an den diese Szenerie frappant erinnert, seine absolute Herrschaft ausübt.

In den beiden Begleitern von Koch-Grünberg treffen dabei auch zwei Formen des Umgangs mit den vordringenden Weißen aufeinander. Denn während der Schamane Karamakate auf seine Kultur pocht, Lendenschurz trägt, mit Pfeilrohr schießt und immer wieder an die Rückbesinnung auf die Wurzeln der eigenen Kultur erinnert, glaubt der zweite indigene Begleiter des deutschen Forschers, dass sein Volk nur durch Anpassung an die fremde Kultur überleben kann.

Wissenschaft vs. magisches Denken

Während Marco Bechis 2008 in "Birdwatchers" in der Gegenwart von der Vernichtung der Amazonasvölker erzählte, blickt Guerra in die Vergangenheit und bewahrt mit seinem Film eine untergegangene Kultur vor dem Vergessen. Wie nah "Der Schamane und die Schlange" dabei an der Realität ist, machen historische Fotos im Nachspann deutlich, die teilweise fast eins zu eins Eingang in den Film fanden. Gleichzeitig geht dieses visuell faszinierende und inhaltlich vielschichtige Meisterwerk über den historischen Blick weit hinaus, wenn der Forderung des Schamanen nach einem respektvollen Umgang mit der Natur das rücksichtslose Vorgehen der Weißen gegenübergestellt wird.

In seiner Kritik an Raubbau, Profitgier und einer Wissenschaft, die zu Gewalt und Tod führt, sowie der Vorstellung der Überlegenheit der westlichen Kultur ist "Der Schamane und die Schlange" ein absolut heutiger und zeitloser Film, der auch im Aufeinandertreffen gegensätzlicher Formen von Wissen zum Nachdenken anregt.

Denn während die Forscher mit Geräten wie eine Kompass oder einem Fotoapparat, die bei den Indigenen Verwunderung, aber auch großes Interesse wecken, arbeiten, ist die Welt des Schamanen eine magische, in der Träume und Einfühlen wichtiger sind als nüchtern sachliches Erkunden. - Ganz in dieses Magische lässt auch Guerra eintauchen mit diesem delirierenden Trip, der im Kino der Gegenwart seinesgleichen nicht findet.

Der Schamane und die Schlange (El abrazo de la serpiente)

Kolumbien/Venezuela/ARG 2015. Regie: Ciro Guerra. Mit Jan Bijvoet, Nilbio Torres, Brionne Davis, Antonio Bolívar, Yauenkü Migue. Polyfilm. 124 Min.

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