"Einmal so richtig unbekannt, unbedeutend, anonym, herkömmlich zu sein. So richtig arbeiten müssen können von 8 bis 17 Uhr, 30 Minuten Mittagspause, zwei Stunden beim Hausarzt im Wartezimmer sitzen, Illustrierte durchblättern müssen können..."

Es sind nicht alle Menschen gleich.

Mercedes Benz.

Die Zukunft des Automobils.

(Beilage in der FAZ vom 10. 9. '97)

(Di, Dodi, Henri und Trevor rasen mit einem Mercedes 600 durch das nächtliche Paris.)

Di: Die Langusten waren just in time diesmal. So mag ich sie. (Pause) Nächstes Mal heben wir ein paar Langusten für die Aidskranken auf.

Dodi: Gut.

Di: Und eine Languste für Mutter Theresa.

Dodi: Sicher.

Di: Und eine für Hillary. Und eine für good old Elton. Der arme Kerl hat seinen Zenit überschritten. Schon so lange kein wirklicher Megahit mehr.

Dodi: Der neue Brillenberater ist ja wirklich ein Taugenichts. Meschugge, dauernd Fußballvereine zusammenzukaufen, bloß um es seinem Analytiker recht zu machen.

Di: Armer, armer Elton. Wenn ich bloß etwas für ihn tun könnte.

Dodi: Wird ihm schon wieder einmal etwas einfallen. Wenn gar nichts geht, dann eben eine Cover-Version oder sowas.

Di: Dodidodidodi. Du mein kleiner Playboy aus dem Morgenland! Und übrigens schönen Dank auch noch für die Einladung ins Ritz.

Dodi: Aber Didi, ich bitt' dich. Wo's doch dem Papi gehört. Nicht der Rede wert.

Di: Sag das nicht, Dodi, du bist so bescheiden. Der Reitlehrer hat mich nie ins Ritz eingeladen.

Dodi: Reitlehrer sind Scheiße.

Di: Ich kann dich so gut verstehen,Dodi. Und Charles erst, der verstockte Ohrenpeter. Immer nur der staubige Hamburgerfraß in der Poloplatzkantine. Es war demütigend. Sowas von hartherzig und aalglatt.

Dodi: Hamburger sind Scheiße.

Di: Und Charles.

Dodi: Charles auch. (singt:) Walk like an Egyptian...

(Pause)

Di: Du Dodi, was ich dich schon lang einmal fragen wollte: Was hältst du eigentlich von Landminen?

Dodi: Landminen sind Scheiße.

Di: Ich wusste, dass du das sagst. Ach Dodi, du bist so ein guter Kerl. So menschlich. Dodi, hast du gesehen, die Paparazzi haben heute wieder nur die Langusten fotografiert.

Dodi: Paparazzi sind Scheiße.

Di: Und die Fotos sind qualitativ so minderwertig. Unscharf, unterbelichtet, verwackelt. Wirklich sicher ist man vor den Paparazzi nur bei den Aidskranken.

Dodi: Aidskranke sind super.

Di: Ach Dodi, dass zwischen zwei Menschen eine solche Nähe und Übereinstimmung möglich ist. Wenn nur die Paparazzi nicht wären. Die Leute sehen einmal mein linkes Knie, und schon glauben sie, dass sie einen Pornofilm sehen und die Monarchie untergeht.

Dodi: Ah, da sind sie ja endlich. Steig aufs Gas, Henri, hinter uns sind Paparazzi. Jetzt kannst du einmal zeigen, was du bei den Spezialfahrkursen gelernt hast.

Di: Weisst du, wovon ich manchmal insgeheim träume, Dodi?Einmal so richtig unbekannt, unbedeutend, anonym, herkömmlich zu sein. So richtig arbeiten müssen können von 8 bis 17 Uhr, 30 Minuten Mittagspause, zwei Stunden beim Hausarzt im Wartezimmer sitzen, Illustrierte durchblättern müssen können, ein Jahr lang auf den Siebentageurlaub im Dreisternhotel sparen, dreißig Jahre auf die Pension warten müssen, Elton nur aus dem Radio kennen, in einer Vorstadtkneipe in Birmingham das billigste Menu essen müssen können, bei einem Wasserrohrbruch eigenhändig den Installateur anrufen müssen können, gar keine Zeit für Landminen haben, gar keine Zeit für Aidskranke haben, eigenhändig einen uralten 48 PS-Leasinggebrauchtwagen mit rostigen Kotflügeln ohne Doppelairbag, 120 km/h Höchstgeschwindigkeit fahren, sich selber um Ölwechsel und die Winterreifenmontage kümmern müssen können, selber einkaufen müssen können im Supermarkt, selber ein Wurstbrot kochen, im Sommer in einer kleinen 130-Quadratmeterwohnung schwitzen, im Winter in einer schlecht isolierten Mansarde frieren, chronisch krank sein und nichts davon in der Weltpresse lesen, Kreditschulden bei der Bank, fette Haare, Zahnlücken, Laufmaschen, Krampfadern, auf einem öffentlichen Friedhof ein Achtquadratmeterfamiliengrab zwischen Achtquadratmeterfamiliengräbern anderer Leute haben, aus dem Mund stinken, Fußpilzsalben und Warzentinkturen kaufen, abwaschen, saugen, bügeln, teppichklopfen, kloputzen, kinderzimmeraufräumen, bettwäschewechseln, Kirschkompotte aus der Blechdose löffeln! Wär das nicht herrlich? Ach, einmal so eine richtig frigide Hausfrau am Existenzminimum sein, nur die öden Leute aus der Nachbarschaft kennen, die senilen Fensterbankerlpaparazzi aus dem Gemeindebau, alle Familienfotos selber schießen mit der Pocketkamera und zur Ausarbeitung in die Drogerie bringen müssen. So eine richtige Null sein. Dodi, verstehst du, so eine richtige arme kleine Sau aus dem Volk, so ein nichtssagendes Nichts aus der deep society.

Dodi: Wenn das in meiner Macht stünde, meine Prinzessin des Volkes!

Di (singt:) Es macht Spaß, ein Spartyp zu sein.

Dodi: So nahe am Pulsschlag des wirklichen Lebens! Wenn du willst, lasse ich das Ritz zu einer Würstelbude umbauen.

Di: Um Himmels Willen! Vor uns sind Paparazzi. Fahr noch schneller, Henri. Wir müssen sie abhängen.

Dodi: Zur Hölle auch. Was wollen die bloß von uns?

Di: Die wollen von uns ein hundsgemeines Foto schießen, wie wir in einem Mercedes 600 mit 394 PS sitzen.

Dodi: Pervers. Wie schlecht die Welt doch ist. Wieviel fahren wir jetzt, Henri?

Henri: 190, Effendi.

Dodi: Steig aufs Gas. 196 muss ein Mercedes 600 schon schaffen.

Di: Paris ist bei 196 am schönsten.

Dodi: Paris ist bei 196 überhaupt erst schön.

Henri: Aber hier ist eine 50 km/h -Beschränkung.

Dodi: Geschwindigkeitsbeschrän-kungen sind Scheiße.

Di: Charles ist immer genau 50 gefahren. Alles, damit er einmal König wird. Alles für das Zeremoniell. Jedes private Opfer. Immer der Zwang. Und immer angeschnallt. Bei 50!

Dodi: Anschnallen ist Scheiße.

Di: Ach, Dodidodidodi, einen Mann wie dich hatte ich noch nie. Ich hatte noch nie einen Mann, der Dodi heißt.

Dodi: Di steckt in Dodi.

Di: Wie schön du das sagst. Wie oft habe ich mich gefragt, warum gerade du, Dodi? Warum nicht ein Kohlelieferant aus Novosibirsk? Ein aidskranker Arbeitsloser, ein verwaister chinesischer Fliessbandarbeiter mit Senkfüßen, Hasenscharte und Gebietskrankenkassagebiss? Ein rothaariger Stehplatzabonnent von Manchester United mit Grundschulabschluss und Rechtschreibschwächen, ein hochsensibler polnischer Selbstzahlerverlagslyriker, ein senegalesisches Skelett, ein Bezirksagrarbehördenbeamter aus Osnabrück oder Altmünster...

Dodi: Novosibirsk ist Scheiße.

Di: Warum gerade du mit deinen Yachten, Cabriolets, Privatjets und Mittelmeerpalästen?

Dodi: Kismet.

Di: Schicksal. Gott hat es gefügt.

Dodi: Allah.

Di: Allah auch. Ich glaube, jetzt wird alles gut.

Henri: 196, Effendi.

Di: Glaubst du, Mutter Theresa ist schon einmal 196 gefahren?

Dodi: Was fährt denn die überhaupt für eine Schüssel in Kalkutta unten?

Di: Beim nächsten Mal müssen wir das liebe Reschen unbedingt mitnehmen.

Dodi: Du bist so ein guter Mensch, Di, so ein großherziger Charakter.

Di: Weisst du, Dodi, manchmal frage ich mich schon, wie ich der Welt noch helfen könnte, wenn es einmal gar keine Landminen mehr gibt, wenn ich mein letztes abgetragenes Kleid versteigert habe, wenn allen Aidskranken und Wimbledonsiegern die Hände geschüttelt sind, wenn ich mit den Buben in St. Anton war und Charles zum Thronverzicht gebracht habe.

Dodi: Irgendetwas bleibt immer zu tun. Es wird in abgelegenen Milchstraßen immer Sterne geben, die noch nach niemandem benannt sind und sehnlichst auf ihre Anmeldung im internationalen Sternregister warten. Es wird immer irgendwelche vierundsechzigkarätigen sibirischen Diamanten und immer irgendwelche Karibikinselhauptstädte geben, die noch nicht deinen Namen, immer irgendwelche Goldmünzen, die noch nicht dein Profil tragen. Es wird immer Tennischampionsaufschlagsgeschwindigkeitsrekorde oder Rundenbestzeiten in Monza oder Silverstone geben, die jemandem gewidmet werden wollen, Prinz Lugner braucht immer wieder einmal einen special guest für den Opernball. Es gibt immer irgendwelche Scheidungswaisenhäuser zu besichtigen, neue Frisuren vorzustellen, sensationalle Popkonzerte zu besuchen und deren Ehrenschutz zu übernehmen, Autogramme im Wert von 7000 Mark und handschriftliche Liebesbriefe im Wert von 90000 Mark zu verfassen, und es wird immer einen Grund für einen kleinen Plausch mit Gaddafi oder Zilk geben.

Di: Zilk hat mir übrigens erzählt, es gibt da einen netten kleinen Stern im Andromedanebel, der wirklich sehr gut zu ihm passen würde.

Dodi: Es wird immer Einladungen zu Hochzeiten und Begräbnissen geben. Es wird immer Pakistanis geben, die sich noch nicht umgebracht haben.

Di: Apropos Selbstmord! Stimmt es, dass dein Fahrer regelmäßig Antidepressiva nimmt?

Dodi: Das ist nur, weil er soviel säuft.

Henri: Champagner ist kein Alkohol.

Di (sinniert:) Einmal im Leben hätte ich schon gerne eigenhändig einen Hosenbandorden verliehen.

Dodi: Hosenbandorden sind Scheiße.

(Pause)

Di: Du Dodi, weisst du, womit du mir wirklich eine Freude machen könntest?

Dodi: Sag nur.

Di: Kaufst du mir den Buckingham Palast?

Dodi: Klar, Liebes, als Hochzeitsgeschenk. Und dann machen wir ein Kaufhaus daraus. Charles stelle ich als Liftboy an, Elisabeth als Raumkosmetikerin in der Kühlschrankabteilung. Gaddafi, Elton John, Prinz Zilk kommen zur Eröffnung.

Di: Und Mutter Theresa. Es gibt so viel Elend auf der Welt. Wenn wir die Welt nur ein wenig lebenswerter machen...

Dodi: Oder ein Wachsfigurenkabinett. Oder eine Moschee.

Di: Oder ein Rehazentrum für Aidskranke.

Dodi: Klar, und alle Aidskranken müssen Seidenpyjamas von Harrod's tragen. Benefiz ist super.

Di: Schon wieder die schrecklichen Paparazzi, Dodi. Was das für Bilder werden bei 196 km/h. Es ist so geschmacklos.

Dodi: Geschmacklosigkeit ist Scheiße. Mir reicht's jetzt auch. Jetzt werden wir der Welt eine Show liefern, die sie nie wieder vergessen wird, solang es Menschen gibt. Shows sind super!

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