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Ein Kraftfeld der besonderen Art

In Niederösterreich gibt es zahlreiche Kraftfelder. Viele davon sind dem Verfall preisgegeben, wie das Südbahnhotel oder das Kurhaus am Semmering. Politiker bauen sich lieber ihre eigenen Denkmäler, wie Museen für Gemälde und Geschichte, anstatt historische Substanz dafür zu nützen. Die Kräfte, die von ihr ausgehen, aus denen sich Neues, Unverwechselbares entwickeln kann, scheinen sich Menschen, die nur mit dem eigenen Machterhalt beschäftigt sind, zu verschließen.

In Reichenau retten Private, was noch zu retten ist: Schloss Wartholz mit seinen Kulturveranstaltungen, der Knappenhof, auch zahlreiche Villen sind Beispiele dafür. Das jüngste und schönste ist der Thalhof, dessen Verfall unaufhaltbar schien. Die kulturbegeistere Wiener Familie Ursula und Josef Rath und die Regisseurin Anna Maria Krassnigg verfielen dem Zauber dieses Ortes. Sie haben die einstige Kuranstalt mit erlesenem Geschmack restauriert, diese einzigartige Symbiose von Landschaft und Architektur, die Künstler wie Grillparzer, Schnitzler oder Altenberg inspirierte. Frau Krassnigg schwärmt "von einer Energie, die einen nicht loslässt, die einen verführt, zur Konzentration einlädt, etwas Verrücktes, Exzentrisches hat und sich für Theater und Literatur eignet".

Die jüdisch-österreichische Tradition vergessener Autoren soll durch Austausch mit zeitgenössischen Schriftstellern wie Julya Rabinowich, Robert Schindel oder Paulus Hochgatterer neu belebt werden: "wort.spiele" sind das ganze Jahr über geplant. Mit der gelungenen Dramatisierung der Hochstaplernovelle von Robert Neumann wurde eröffnet. Jenes verloren geglaubte Österreich feierte dabei seine Wiedergeburt. Mit großstädtischem Flair, einem Hauch Triestiner Atmosphäre und dem, was uns heute in unserem dumpfen Funktionärsstaat am meisten fehlt und das Frau Krassnig treffend als pfiffige Eleganz bezeichnete.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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