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Feuilleton

Ein Mädchen im Mai

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ican see im schönen Monat Mai ein Kind. Es ist vielleicht zwei. Im kurzen Haar ein Band mit rosa Masche. So wird das Mädchen gezeichnet. Die Eltern stehen dahinter. Mama Kopftuch. Papa Bart. Das Kind löst sich taumelnden Gangs, heftet den Blick auf den Straßenmusiker. Weltversunken steht es ihm gegenüber, der Körper gespannt wie eine Saite. Die Augen verschlingen die gleitenden, zupfenden Finger auf der Gitarre des Sängers. Passanten finden das Mädchen entzückend. Dieses Entzücken wird vom Kind ignoriert. Ihm geschieht gerade ein Wunder, denn es entdeckt den Zauber in seiner Welt, den Klänge hervorrufen können. So wird es ihm mit der Farbe ergehen und mit dem richtigen Wort. Es sucht jetzt nach der Bedeutung. Der Musikant muss das Lied unterbrechen und die Gitarre stimmen. Das Kind hält die Konzentration auf ihn und wartet. Die Hülle des Instrumentes ist aus Stoff und liegt auf dem Pflaster. Der Musiker spielt für die klingende Münze, aber das Kind lauscht mit dem ganzen Körper. Für diesen Anblick werden die Eltern bezahlen. Wie viel, ist die Frage. Sie blicken bereits in die Himmelsrichtungen, aus denen der Wind und der Lärm kommen. Noch eine Zugabe vielleicht? Der Musikant spielt um die Höhe der Gage. Das Mädchen, als könnte es in dieser erregten Erwartung nicht mehr verharren, schwingt sich auf Tonhöhe mit der Musik, ballt seine Fäuste, holt Luft und singt. Die Eltern legen Scheine in die Instrumentenhülle. Viele Scheine. Mehr kann sich der Musiker nicht wünschen.

Da reißt mich ein Knistern aus der Konzentration. Man steckt auch mir einen Geldschein zu. Die Passantin liegt damit ganz richtig. Ich schreibe nicht umsonst auf der Straße. Das ist wie Blattsingen. Ich singe die Stadt. Und der Laptop ist mein Instrument. Ich nehme das Geld und da fragte die Passantin noch: Und schlafen Sie auch auf der Bank? Als meine Ohren ihr Bild von mir aufzeichneten.

Die Autorin ist Schriftstellerin

Ican see im schönen Monat Mai ein Kind. Es ist vielleicht zwei. Im kurzen Haar ein Band mit rosa Masche. So wird das Mädchen gezeichnet. Die Eltern stehen dahinter. Mama Kopftuch. Papa Bart. Das Kind löst sich taumelnden Gangs, heftet den Blick auf den Straßenmusiker. Weltversunken steht es ihm gegenüber, der Körper gespannt wie eine Saite. Die Augen verschlingen die gleitenden, zupfenden Finger auf der Gitarre des Sängers. Passanten finden das Mädchen entzückend. Dieses Entzücken wird vom Kind ignoriert. Ihm geschieht gerade ein Wunder, denn es entdeckt den Zauber in seiner Welt, den Klänge hervorrufen können. So wird es ihm mit der Farbe ergehen und mit dem richtigen Wort. Es sucht jetzt nach der Bedeutung. Der Musikant muss das Lied unterbrechen und die Gitarre stimmen. Das Kind hält die Konzentration auf ihn und wartet. Die Hülle des Instrumentes ist aus Stoff und liegt auf dem Pflaster. Der Musiker spielt für die klingende Münze, aber das Kind lauscht mit dem ganzen Körper. Für diesen Anblick werden die Eltern bezahlen. Wie viel, ist die Frage. Sie blicken bereits in die Himmelsrichtungen, aus denen der Wind und der Lärm kommen. Noch eine Zugabe vielleicht? Der Musikant spielt um die Höhe der Gage. Das Mädchen, als könnte es in dieser erregten Erwartung nicht mehr verharren, schwingt sich auf Tonhöhe mit der Musik, ballt seine Fäuste, holt Luft und singt. Die Eltern legen Scheine in die Instrumentenhülle. Viele Scheine. Mehr kann sich der Musiker nicht wünschen.

Da reißt mich ein Knistern aus der Konzentration. Man steckt auch mir einen Geldschein zu. Die Passantin liegt damit ganz richtig. Ich schreibe nicht umsonst auf der Straße. Das ist wie Blattsingen. Ich singe die Stadt. Und der Laptop ist mein Instrument. Ich nehme das Geld und da fragte die Passantin noch: Und schlafen Sie auch auf der Bank? Als meine Ohren ihr Bild von mir aufzeichneten.

Die Autorin ist Schriftstellerin