Reichenau: Lightversion von Wedekinds Lulu-Stoff.

Frank Wedekinds (1864- 1918) Werke werden noch heute vor allem mit "Erotik" und "Skandal" in Verbindung gebracht. Furore machte er als Provokateur, weil er es wagte, bürgerliche Sexualtabus zu thematisieren. Kaum bekannt ist, dass es ihm nicht um die Provokation als solche gegangen ist, sondern um eine Verstörung, die Erkenntnis freisetzen sollte. Heutzutage ist es aber ungemein schwer, mit der Darstellung von Sexualität zu provozieren oder Einsichten zu befördern.

Verbreitet ist dagegen, das Skandalträchtige nur zu benützen und den Zuseher in die Rolle des bloß neugierigen Voyeurs zu drängen.

Die Burgtheaterschauspielerin und Neo-Regisseurin Maria Happel inszeniert für das Festival Reichenau die Geschichte von der Kindfrau, die sich auflehnt gegen ihre sexuelle Ausbeutung und ihre erotische Vitalität stattdessen eigenen Zwecken - Lustgewinn und materielle Sicherheit - dienstbar macht. Happels Inszenierung wartet mit vielen Stars auf, aber ohne Erkenntnisinteresse. Die junge Wanda Worch gibt eine mehr vitale als sinnliche Lulu. Sie spielt weniger die Frau mit der großen Sehnsucht nach einem intensiven Leben, als eine, die ihre Erotik kühl instrumentalisiert. Kaum wird einsichtig, ob Lulus Gefühlskälte und Verachtung gegenüber den Männern, die sie verehren und die sie der Reihe nach mehr oder weniger zufällig ins Jenseits befördert, bloß auf Verstellung beruht oder ihrem schlechten Charakter entspricht. Besser macht es Joseph Lorenz (Bild) als Dr. Schön, dessen brutale Verdinglichung Lulus sich bald in Anhänglichkeit und jäh in weinerliche Unterwerfung wandelt. Er ist zugleich Täter und Opfer seiner Wünsche.

Das Problem der Inszenierung basiert auf Happels Bearbeitung. Sie stützt sich hauptsächlich auf die 1903 veröffentlichte Umarbeitung des bereits 1892-94 entstandenen "Buchdramas" "Die Büchse der Pandora. Eine Monstretragödie", das Wedekind aber wegen des drastischen und bisweilen obszönen Inhalts nicht publizieren konnte. Warum sie diese gleichsam entschärfte, domestizierte Version benutzte und nicht den fast ein Jahrhundert lang tabuisierten, um vieles krasseren aber auch vielschichtigeren "Urtext" (1988 veröffentlicht), bleibt ihr Geheimnis.

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