Erst wann's aus wird sein

Wenn in einer Nestroyaufführung am Volkstheater gelallt, geschrien, gespieben wird, wenn babylonischer Sprachwirrwarr von hundsordinärem Wienerisch bis zum schrillen Gestammel einer Putzfrau aus dem Osten nebst unentwirrbarem Mix aus Idiomen und Dialekten auf das überforderte Publikum hereinprasselt, dann hört man das Totenglöckerl für unsere Sprachkultur läuten. Wir zeigen wieder, dass wir multikulti sind und keine Grenzen öffnen müssen, da wir schon längst keine mehr haben.

Unsere grenzenlose Sprache ist ausgeronnen, als Imitation des deutschen Nachbarn, in der Hilflosigkeit unserer im Sprachenschlamm ertrinkenden, verzweifelt dahinstammelnden Politiker, in der Tiefe grunzender Aggressionslaute, mit denen sich unsere Reichen und Schönen in TV-Serien übergeben. Wir sind Flüchtlinge der anderen Art geworden, Opfer des Wohlstandes, bedroht von einer Müllhalde von Zweitautos, Zweitwohnsitzen, Luxusstränden, Kunstschneepisten und Computerspielen. Nur manchmal ist sie noch da, die Sehnsucht nach unserer Identität; nach dem, was immer man unter Heimat verstehen mag. Ob es Landschaften, Gebäude, Städte sind oder der Klang von Sprache und Musik und die alten Geschichten, aus denen wir geboren wurden, mit denen wir heranwuchsen und aus denen wir unsere Fantasie, unsere Wut und unsere Liebe gewonnen haben. Es wird Zeit, dass wir uns wieder an uns erinnern. Es ist unsere einzige Chance, im Chaos einstürzender Ordnungen zu überleben. Noch ist unsere Sehnsucht nicht erloschen. Noch hilft uns die Erinnerung, den Weg wieder zu finden. Jenseits unseres rasenden Tempos, von Börsenkursen und Kursverlusten, unserer grenzenlosen Gier und Ziellosigkeit. Es ist ein ferner Klang, der noch nicht verstummt ist, den jeder hören, dem jeder folgen kann, wenn er bereit ist. Dann ist's vielleicht doch nicht aus - mit aner Musi und an Wein.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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