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Götter, Gauner und Deppendämmerung

Der Rhein tritt über die Ufer, und der Weltenbrand erfasst die Götterburg Walhall. Solche Visionen hatte Richard Wagner vom Ende unseres materialistischen Zeitalters. Nun, ganz so weit sind wir noch nicht. Die Pegel des Wörthersees und der Adria halten sich derzeit zumindest in keineswegs alarmierenden Höhen, und die hässlichen Neubauten an den Ufern stehen zwar zumeist leer, werden aber weder von Sturmwellen hinweggefegt noch von Feuerbränden vernichtet.

Ihre Entstehung unterscheidet sich allerdings nur geringfügig von jener von Wagners Walhall. Der Antrieb war nicht die Notwendigkeit der Bautätigkeit, sondern die Repräsentationssucht und Gier der Mächtigen. Die verfügten nicht über die erforderlichen Mittel und mussten diese durch Raub, Täuschung und Gaunerei herbeischaffen. Bei Wagner waren es Götter, Riesen und Zwerge, in der österreichischen Schmierenversion sind es Deppen, Gauner, Hochstapler, Geldwäscher, vertrottelte Nazis und falsche Märtyrer. Die Götter wollten sich Ruhm und ewige Macht sichern, den Hypo-Managern und Politikern ging und geht es um armseliges Prestigedenken und die Vermehrung des eigenen Wohlstandes. Die Bilanz ist niederschmetternd. Die heimatlichen Seeufer werden von modisch gestylten, lieblos hingeklotzten Appartementhäusern und Hotelbauten verschandelt; die Meeresgestade um das kroatische Savudrija von unzähligen Ferienhäusern, einer mit Marmor verfliesten Hotellandschaft und einem gläsernen Golfpalast entstellt.

Die Pleite stinkt bis zum Himmel. Gerichte und Gerechtigkeit scheinen außer Kraft gesetzt. Der Wind weht über die Bauleichen. Sie könnten jenen Asylanten zum Aufenthaltsort dienen, die keiner dulden will. Eine Utopie, ein Traum? Bei uns gehen die Uhren anders. Flüchtlinge gelten als Verbrecher. Diebe unserer Steuern und Abgaben hingegen treten ihre nächsten hoch dotierten Posten an.

* Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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