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Größenwahn und Überheblichkeit

Wahrscheinlich empfindet es die vorwiegend rote Wiener Stadtregierung sogar als Auszeichnung, auf die rote Liste des gefährdeten Weltkulturerbes gekommen zu sein. Geholfen haben ihr dabei die mitregierenden Grünen, die sich Investoren mehr verpflichtet zu fühlen scheinen als den Bürgern. Das Vorhaben, einen Luxuswohnturm am Heumarkt zu errichten, der die Altstadt klein aussehen lässt und auf ziemlich fantasielose Weise bloßstellt, ist nun beschlossen. Ein derartiges Hochhaus könnte die verantwortlichen Politiker von ihren Albträumen von vermeintlichem Kleinwuchs und Provinzialität befreien. Endlich könnten sie dann wie Riesen auf das ihnen schon immer verhasst gewesene großbürgerliche Baugerümpel der Ringstraßenzeit mit Spott und Verachtung herunterschauen. Möglicherweise träumen sie dort oben auch von einem Zuwachs an Macht, Stärke und Potenz; denn damit werden Hochhäuser assoziiert. Lässt sich doch auch der verblendete Göttervater Wotan in Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" auf den Bau einer Götterburg von ungeheurem Ausmaß ein. Bezahlen kann er sie freilich nur mit einem durch List, Raub und Meineid erworbenen Goldschatz. Die Folgen sind bekanntlich Götterdämmerung und Weltenbrand. Hoffen wir, dass der Gesamtkunstwerker Wagner ein Übertreibungskünstler war.

Das Erscheinungsbild und die Atmosphäre des noch vor wenigen Jahren eleganten, groß- und weltstädtischen Wien wird für kommende Generationen immer weniger erhalten. Nach der voraussichtlichen Aberkennung des Weltkulturerbes wird erst recht frisch drauf los gebaut. Den Massentourismus, mit dem die Stadt boomt, wird das nicht beeinträchtigen. Ob die kulturelle Identität, also die Seele von Wien, ein Ehrengrab am Zentralfriedhof bekommen wird oder wie Mozart in einem Massengrab verscharrt wird, steht noch nicht fest.

Der Autor ist freier Journalist

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