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Historische Gerechtigkeit Auf der Krim

Vor 70 Jahren, im Mai 1944, wurden auf Stalins Befehl innerhalb von drei Tagen 190.000 Krimtataren in Viehwaggons nach Zentralasien, vor allem nach Usbekistan, deportiert.

Die Halbinsel Krim am nördlichen Rand des Schwarzen Meeres mit knapp zwei Millionen Einwohnern und der Größe von Sizilien ist ebenso mythen- wie geschichtsträchtig. Am Anfang stehen Taurier, Skythen und Chasaren, in Chersones nahmen die Christianisierung der Slawen und deren Bibelübersetzung ihren Ausgang. Bis heute gehört die Annexion des osmanischen Krim-Khanats durch Katharina d. Große im Jahre 1783 zu den zentralen russischen Nationalmythen; dasselbe gilt für Sewastopol, auch wenn der Stützpunkt der Schwarzmeerflotte nach dem verlorenen Krimkrieg 1853/56 zum Binnenhafen degradiert wurde. Als sich um 1900 Adel und Bürgertum in Nachbarschaft zur Sommerresidenz des Zaren in Jalta ansiedelten, avancierte die Südküste der Krim zur "russischen Riviera“. Hundert Jahre später wird diese durch herabgekommene Betonburgen des sowjetischen Massentourismus verschandelt. Dahinter breitet sich die Steppe aus.

"Die Krim - wo Breschnew mit seinen Freundinnen Urlaub machte“, spottete der Schriftsteller Wiktor Jerofejew einmal über den nach 1991 zwei Jahrzehnte währenden russischen Atomschmerz. Dennoch waren russische Besucher regelmäßig empört, wenn sie feststellten, dass in Liwadija, wo Stalin 1945 sowjetische Großmacht und Nachkriegsordnung ausgehandelt hatte, Hinweistafeln auf Ukrainisch gehalten waren. Mit der Beschaulichkeit eines morbiden Land’s end am äußersten Südosten Europas, wo ukrainische Oligarchen gerne ganze Strände privatisierten und ihre Urlaubsdomizile von internationalen Architektenstars gestalten ließen, ist es seit März 2014 vorbei. In Moskau spricht man von "Wiederherstellung historischer Gerechtigkeit“, und der Westen hat dem - ähnlich wie die Ukraine selbst - nichts entgegenzusetzen.

Deportation und Landbesetzung

Einziger Störfaktor beim Übergang zum weltpolitischen Tagesgeschäft zwischen West und Ost (sollte sich die "Ukraine-Krise“ in absehbarer Zeit wieder beruhigen) sind die Krimtataren, die ihrerseits auch auf "historische Gerechtigkeit“ pochen. Auf Stalins Geheiß wurde im Mai 1944 innerhalb von drei Tagen 190.000 Menschen (die damalige krimtatarische Gesamtbevölkerung) in Viehwaggons nach Zentralasien, vor allem nach Usbekistan, deportiert. Tausende starben während des Transports. Der vom Moskauer Staatskomitee für Verteidigung erhobene Vorwurf lautet auf Kollaboration mit den deutschen Besatzern und "besondere Grausamkeit“ im Kampf gegen sowjetische Partisanen. Tatsächlich hatten sich zirka zwanzigtausend Krimtataren als so genannte Hilfswillige Wehrmacht und SS angeschlossen, allerdings kämpften ebenso viele Krimtataren als Soldaten der Roten Armee. Seit Jahrzehnten wird der 18. Mai von den Krimtataren als "Kara Gün“, als "Schwarzer Tag“ in großen Gedenkfeiern begangen.

Im Unterschied zu vergleichbaren sowjetischen "Bevölkerungstransfers“ wie jenen von Tschetschenen und Inguschen waren auch die Krimtataren in den 1960er-Jahren rehabilitiert worden, eine Rückkehr in die alte Heimat wurde ihnen allerdings nicht gestattet. (Über die tatsächlichen Gründe der Deportation herrscht bis heute keine vollständige Klarheit.)

Mit der "wilden“ Repatriierung tausender Krimtataren in den späten 1980er- und zu Beginn der 1990er-Jahre entstand ein Konfliktpotential, das weder die untergehende UdSSR noch die unabhängige Ukraine zu lösen gewillt waren. Da keine Restitution von Grundstücken und Land erfolgte, griffen die Krimtataren zum Mittel der Landbesetzung.

Wer die Krim bereist, bekommt am Stadtrand von Simferopol, entlang der Hauptstraßen nach Sewastopol, Jalta und Feodossija hunderte von symbolischen Gebäuden zu sehen. Es handelt sich um künftige krimtatarische Siedlungen, deren Häuser durch jeweils vier Grundmauern, oft ohne Türöffnungen und meist ohne Dächer, markiert werden. Wo sich in einem Jahr noch ein rostiges Stahlgerüst erhob, ist zwei Jahre später eine kleine Hotelanlage entstanden; in den Städten zwischen Ewpatorija und Sudak wurden zahlreiche Moscheen wiederaufgebaut. Für die russische Mehrheitsbevölkerung gilt dies üblicherweise als Beweis für die "Islamisierung“ der Krim; Propaganda aus Moskau, die gerne von der "Gebärstation als Mittel der Bevölkerungspolitik“ spricht, trägt das Ihre zur Verschärfung des Dauerkonfliktes bei. Ohnedies warten noch 200.000 Krimtataren in Mittelasien auf Repatriierung.

"Sohn der Krim“

Dass es in all diesen Konflikten um Boden, Investitionen und "Symbole“ - wie vor etlichen Jahren bei der Überbauung eines krimtatarischen Friedhofes durch einen Straßenmarkt in Bachtschissaraj - nicht zu größeren interethnischen Explosionen und Blutvergießen kam, ist im Wesentlichen einem Mann geschuldet: Mustafa Dschemilew. Das Leben des Mustafa Abduldschemil, auch Kirimoglu, "Sohn der Krim“ genannt, ist fast ein Spiegel des Schicksales seines Volkes. 1943, ein halbes Jahr vor der Deportation der Krimtataren, in der Nähe von Sudak geboren, besuchte er in den 1960er- Jahren in Taschkent eine Landwirtschaftsschule und schloss sich früh der in der Tauwetter-Zeit wieder möglichen Nationalbewegung der Krimtataren an. Auf eine erste Haftstrafe wegen Wehrdienstverweigerung folgten sechs Prozesse wegen "antisowjetischer Tätigkeit“ und insgesamt fünfzehn Jahre Lagerhaft und Verbannung in Sibirien. So drastisch die Losungen ("Vaterland oder Tod“) und die Protestformen der Krimtataren bisweilen ausfielen (im Fall des Aktivisten Mussam Umut kam es zur Selbstverbrennung) - Dschemilew setzte immer auf gewaltlosen Widerstand. In die Geschichte der sowjetischen Dissidenten fand er nicht nur wegen seines zehnmonatigen Hungerstreiks samt zwangsweiser künstlicher Ernährung Eingang, sein Freund Andrej Sacharow machte die Freilassung des Krimtataren-Führers in einem legendären Telefonat mit Gorbatschow zur Bedingung seiner eigenen Rückkehr aus der Verbannung nach Moskau. Ende der 1980er-Jahre kehrte Mustafa Dschemilew auf die Krim zurück, von 1991 bis 2006 war er Vorsitzender des Krimtataren-Parlaments, des Medschlis. Eine ausführliche Dokumentation seiner Geschichte findet man seit etlichen Jahren im Museum der Krimtataren in Jalta, wo auch regelmäßig Veranstaltungen mit Zeitzeugen stattfinden. Auf die Frage, wie es um den oftmals beschworenen Separatismus der Krimtataren tatsächlich bestellt sei, folgte aus dem Mund vieler Krimtataren bisweilen die augenzwinkernde Antwort: "Sollte sich die Unabhängigkeit einmal ergeben, werden wir nicht dagegen sein.“ Dass sich die ukrainische Regierung zur Anerkennung der Krimtataren als autochthone Bevölkerung erst im März 2014 durchrang, gehört nicht zu Kiews Ruhmestaten.

Mit der Annexion der Krim durch die Russische Föderation im März 2014 hat sich auch die Lage der Krimtataren schlagartig verändert. Ob es in ihrer Macht stand, durch Massenproteste im Februar 2014 den Putsch der Krimregierung zu verhindern, darüber werden künftige Historiker streiten. Kiews Nicht-Reaktion und vor allem der krimtatarische Totalboykott des so genannten Referendums sind Ausdruck einer moralisch und völkerrechtlich eindeutigen Haltung, dessen realpolitische Effektivität müssen künftige Verhandlungen erweisen. Die Flüchtlingshilfe der UNO registriert bislang achttausend Krimtataren, die ihre Heimat verließen, viele brachten Alte und Kinder aufs ukrainische "Mutterland“. Kurzfristige Panik unter den Krimtataren unmittelbar nach dem "Anschluss“ wurden mittlerweile durch alltägliche Behörden-Schikanen Übergriffe russischer "Selbstverteidigungs-Gruppen“ abgelöst. Von Anpöbelungen wie "Wann verkaufst du dein Haus“, ist immer wieder zu lesen. Wie sehr Mustafa Dschemilews eigene Strategie aufgeht, mit zahlreichen Reisen zu UNO und Nato, oder kürzlich zur Tagung des Europäischen Rates in Wien, die Weltöffentlichkeit über die Lage der Krimtataren zu informieren und wachzurütteln, hängt nicht zuletzt von dieser ab.

Zuckerbrot und Peitsche

Moskaus Vorgangsweise in Sachen Krimtataren lautet indessen: Zuckerbrot und Peitsche. Putin versicherte Mustafa Dschemilew in einem Telefongespräch seines Respektes, gleichzeitig verhängten die russischen Behörden über ihn ein fünfjähriges Einreiseverbot auf die Krim. Bislang gelang es etlichen Tausend Krimtataren einmal, die Grenzblockade zu durchbrechen und Dschemilew die Reise nach Hause zu ermöglichen; bei einem weiteren Versuch wurde die aufgebrachte Menge durch Warnschüsse gestoppt. Ein anderer Schritt in Moskaus politischer Doppelstrategie war die "Rehabilitierung“ der Krimtataren durch das russische Parlament, die von den Krimtataren nicht akzeptiert wird. Unklar ist auch, in welcher Form heuer der 70. Jahrestag der Deportation der Krimtataren erfolgt, zu dem sich im Zentrum der Hauptstadt Simferopol am 18. Mai traditionell bis zu 40.000 Krimtataren versammeln. Undenkbar, dass Mustafa Dschemilew daran nicht teilnimmt. "Ab jetzt“, meinte er in einem Interview, "ist für nichts mehr zu garantieren.“ Ayder Muzhdabaev, Moskauer Journalist und Krimtatare, brachte es so auf den Punkt: "Für alle Völker ist der Zweite Weltkrieg lange vorbei. Außer für die Krimtataren.“

* Der Autor ist Literaturkritiker und Übersetzer aus dem Russischen. Gemeinsam mit Christian Reder publizierte er "Graue Donau, Schwarzes Meer“.

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