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Feuilleton

Kunstalarm

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ich sitze in der Ambulanz. Von der Geburt bis zum Tod reicht die Spanne der Ewigkeitspause. Meine Sinne lassen mich die Jahre als Sammlung erleben, die ich übers Altern vervollständige. Das Ende aller Zeiten möchte ich sehen, nur dazu werden die Sinne fehlen. Oder muss ich die Körperlichkeit verlassen, um das Projekt Zeitlosigkeit anzugehen? Buchstaben sind Platzhalter für Gedachtes, das sich von mir ablöst und zu einem Stück Wirklichkeit wird. In Form dieses Textes, den man hier als Reservoir spüren kann. Ein Container enthält im Gegensatz Müll. Trotzdem ergibt der Inhalt Sinn und ist Kultur. Kann daraus Kunst werden?

Ein Container steht in der Hitze vor dem AKH. Meine Gedanken umschleichen ihn, während ich im Wartesaal sitze. Alle Transiträume waren kühl. Vom Flughafen bis in die Ambulanz.

Noch bin ich mit allen gleich, die wir hier sind. Ich gerate in Ungeduld aus Solidarität mit einer Rollstuhlfahrerin. Sie harrt seit Stunden hier aus, während ihr seniler Mann Kevin allein zu Haus ist. Wie schön wäre es jetzt am Strand im Sand zu liegen. Flüchtlinge sind gerade in Spanien gelandet. Sie werden gelagert. Ihr Transitraum hat keine Klimaanlage. Die Wüste haben sie überwunden, also müssten sie mit der Hitze fertig werden. Die Sahara ist aus grobem Korn, im Unterschied zum feinen Sand. Er wird in Spanien von Touristen Körnchen für Körnchen abgetragen, ohne dass es ihnen bewusst ist. So wird die Playa de Mallorca in alle Welt verstreut. Bald ist der Sand fort und die Meereswellen werden nicht mehr die Fußabdrücke der Touristen weglecken. Wo sind der Sand und der Zusammenhang hin? Steckt in der Asymmetrie zwischen Arm und Reich ein Naturgesetz? Der Mensch ist für den Menschen da. Die Ewigkeitspause als molekulare Konstellation ist ohne Konsequenz, ob man gut oder schlecht gelebt hat. Das ist gemein. So gleichgültig ist Leben! Kunst macht es erträglich.

Die Autorin ist Schriftstellerin

Ich sitze in der Ambulanz. Von der Geburt bis zum Tod reicht die Spanne der Ewigkeitspause. Meine Sinne lassen mich die Jahre als Sammlung erleben, die ich übers Altern vervollständige. Das Ende aller Zeiten möchte ich sehen, nur dazu werden die Sinne fehlen. Oder muss ich die Körperlichkeit verlassen, um das Projekt Zeitlosigkeit anzugehen? Buchstaben sind Platzhalter für Gedachtes, das sich von mir ablöst und zu einem Stück Wirklichkeit wird. In Form dieses Textes, den man hier als Reservoir spüren kann. Ein Container enthält im Gegensatz Müll. Trotzdem ergibt der Inhalt Sinn und ist Kultur. Kann daraus Kunst werden?

Ein Container steht in der Hitze vor dem AKH. Meine Gedanken umschleichen ihn, während ich im Wartesaal sitze. Alle Transiträume waren kühl. Vom Flughafen bis in die Ambulanz.

Noch bin ich mit allen gleich, die wir hier sind. Ich gerate in Ungeduld aus Solidarität mit einer Rollstuhlfahrerin. Sie harrt seit Stunden hier aus, während ihr seniler Mann Kevin allein zu Haus ist. Wie schön wäre es jetzt am Strand im Sand zu liegen. Flüchtlinge sind gerade in Spanien gelandet. Sie werden gelagert. Ihr Transitraum hat keine Klimaanlage. Die Wüste haben sie überwunden, also müssten sie mit der Hitze fertig werden. Die Sahara ist aus grobem Korn, im Unterschied zum feinen Sand. Er wird in Spanien von Touristen Körnchen für Körnchen abgetragen, ohne dass es ihnen bewusst ist. So wird die Playa de Mallorca in alle Welt verstreut. Bald ist der Sand fort und die Meereswellen werden nicht mehr die Fußabdrücke der Touristen weglecken. Wo sind der Sand und der Zusammenhang hin? Steckt in der Asymmetrie zwischen Arm und Reich ein Naturgesetz? Der Mensch ist für den Menschen da. Die Ewigkeitspause als molekulare Konstellation ist ohne Konsequenz, ob man gut oder schlecht gelebt hat. Das ist gemein. So gleichgültig ist Leben! Kunst macht es erträglich.

Die Autorin ist Schriftstellerin