Digital In Arbeit

Lichtersträuße in New York

1945 1960 1980 2000 2020

Angela Krauß beschreibt in ihrem neuen Buch die Auf- und Ausbruchsstimmung einer Frau.

1945 1960 1980 2000 2020

Angela Krauß beschreibt in ihrem neuen Buch die Auf- und Ausbruchsstimmung einer Frau.

Wenn eine Stadt zum Fluchtpunkt des Denkens wird, steht eine Reise an. Warum das Jahr 2000 in New York beginnen? Weil es die Zukunft in sich trägt. Die in Leipzig lebende Autorin Angela Krauß thematisiert in ihrem neuen Buch "Milliarden neuer Sterne" das just um die Jahrtausendwende elementar gewordene Verlangen der Protagonistin, zum ersten Mal nach New York zu reisen. Ein Aufbruch, der nicht nur mit dem außergewöhnlichen Datum zu tun hat.

Angela Krauß läßt ihre Figur in eine andere Welt eintauchen und langsam eine Metamorphose erfahren. Da will eine Frau von der dunklen Seite auf die helle. Oder umgekehrt. Eine Veränderung. Zumindest läßt sie die Vergangenheit los und schaufelt sich "von der Welt der anderen" frei. Ihre frühere Sehnsucht nach dem Ganzen ist bedeutungslos geworden. Symbolisch manifestiert sich diese neue Freiheit in den "Sternensträußen" über der Brooklyn Bridge in einer Nacht, in der die Stadt im Größenwahn versinkt. Äußerlich passiert dabei nicht viel. Nach der Ankunft der Ich-Erzählerin am 1. Dezember bezieht sie ihre Wohnung im 33. Stock. Das minuziös arrangierte Bukett lang erträumter Imaginationen zerfällt: "So sieht der Ort aus, von dem ich lange Vorstellungen gehegt hatte: unter Menschen einherzugehen, die bekommen, was sie sich wünschen. Von Anfang an bauen wir an der großen Erfüllungsszenerie, seltsame Städte besiedeln unsere verborgene Welt, durch die erwartungsvolle Bewohner streifen."

Das Einstecken der vorgefundenen Adapter versinnbildlicht das Andocken an das Neue. Zunächst ist sie stille Beobachterin, Flaneurin. Ein Vorwärtsschieben im Strom der Masse inmitten maßloser Proportionen. Der Text wächst sich hier zu einem feinsinnigen Wahrnehmungsgewebe aus. Knisternde Erwartung, nichts Vertrautes, keine Bekannten. Diese Frau befällt förmlich eine Sucht nach Fremdheit, weil das Bekannte für sie zugleich Verlust der Zukunft ist, quasi "Tod auf der ganzen Linie". Langsam bewegt sie sich aus ihrer passiven Rolle. Das Kostüm, hier in Form eines Hutes, wird zum Katalysator. Einkäufe, Fitnesscenterbesuche, flüchtige Bekannte, Tee bei russischen Einwanderern am Weihnachtsabend.

In diesem kurzen Text will sich jemand "ins Schöne verirren". Krauß lenkt dabei den Blick auf Atmosphärisches und zoomt auch das Nebensächliche zum Gegenstand des Interesses heran. Das kann ein laufender Asiate mit Propellern an den Füßen sein, ein sonnenbebrillter, blickheischender "Italiener mit gelacktem Haar" oder die Beschreibung der aristokratisch duftenden Hand einer alten Dame im Bus. Mit einem Gefühl für die Intensität des Ausschnitts belichtet Angela Krauß flirrende Details. Wie ein mächtiger Bewußtseinsstrom nisten Eindrücke im Gedächtnis ihrer Protagonistin und lösen ein Crossover von Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen, Empfindungen aus. Tief verschachtelt und verwoben. Dieses ausdrucksstarke Stimmungsgemälde zeigt zugleich auf gelungene Weise ein reflexives Innewerden der eigenen Befindlichkeit, in der das Gegenwärtige grell wird und die Zukunft zum Zauber avanciert. Und dieses ganze Erzählen ist von einer wunderbaren Leichtigkeit getragen. Angela Krauß legt hier eine poetisch-visuelle Spur in das Kontinuum Zeit. Sie verirrt sich im Nebulösen. Die neuen Sterne leuchten undurchschaubar am Horizont.

Milliarden neuer Sterne. Von Angela Krauß Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 199952 Seiten, brosch., öS 145,-/e 10,53

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau