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Märchen, vom Wind erzählt

Über das Wattenmeer spannt Benjamin Lebert die Geschichte einer unerbittlichen Liebschaft: Hamburg und Lübeck, Sylt und die Lüneburger Heide bevölkern die Figuren dieses Romans. "Mitternachtsweg", das ist ein riskanter Weg, den Liebende auf Sylt in der Nacht vom 23. Juni beschreiten, um sich auf einer Sandbank zu lieben. Doch was das Liebesglück besiegeln soll, ist bedroht von der zurückkommenden Flut. Zentrale Protagonistin dieses mysteriösen Märchenspiels ist eine junge Frau namens Helma Marie Brandt, die sich immer wieder an schüchterne, lebensferne, kunstinteressierte junge Männer heranmacht. "Sie lagen nun auf dem Rücken nebeneinander, ihre Schulter ganz dicht an seiner. Es war ein schönes Gefühl, bei ihr zu liegen. Inmitten der flachen Weite. An dem sandigen Hang."

In Lübeck lebt Peter Maydell, ein pensionierter, noch tageweise aktiver Journalist, der die Epoche der Romantik liebt, "wo die Menschen einen schmerzlich sehnsuchtsvollen Blick in die Weite warfen, die das Leben war, und hofften, sich selbst darin zu erkennen". Ein Student der Geschichte schickt ihm Pakete mit auf Schreibmaschine geschriebenen Texten "mit leichtem Gänsehautfaktor", von denen er die eine oder andere schon publiziert hat. Das neueste enthält jene Geschichte, die "Mitternachtsweg" zugrunde liegt: "Johannes Kiellands Manuskript".

Stimmung des Wattenmeers

Sein letzter veröffentlichter Bericht hatte sich mit der auf Sylt angespülten Leiche eines jungen Mannes befasst, der, weil nicht identifizierbar, auf dem Friedhof "Heimstätte für Heimatlose" beerdigt wurde. Auf die Publikation hin wird er von Helma Marie Brandt kontaktiert, die verspricht, ihm mehr über diesen Fall zu erzählen.

Zusehends verfällt der Student nicht nur der Frau, sondern auch ihrer Geschichte und beginnt, sie aufzuschreiben, wobei sich bald herausstellen sollte, dass sie auf geheimnisvolle Weise mit anderen Personen und Geschichten verknüpft ist, die weit, bis in die 1930er-Jahre zurückreichen. Parallelen und Überschneidungen lassen die einzelnen Figuren und Motive in einem komplexen Beziehungsgefüge erscheinen, dennoch wirkt die Konstruktion klar und anspruchsvoll komponiert.

Auf wunderbare Weise gelingt es Benjamin Lebert, die Stimmung des Wattenmeers spürbar zu machen, die Atmosphäre einer Landschaft der Ebene heraufzubeschwören und die Existenz uneindeutiger, durchlässiger Identitäten plausibel zu machen. So entsteht ein romantisches Märchen, dem man gerne lauscht wie einer Seefahrergeschichte, die mit modernen Mitteln und nicht ohne Ironie einen unverwüstlichen Legendenstoff um Wiedergänger und ewige Liebe hervorzaubert. Und zeitweise wird es dabei so "still, als horchte der Ort auf eine Geschichte, die der vom Meer her kommende Wind erzählte".

Mitternachtsweg Roman von Benjamin Lebert Hoffmann und Campe 2014 240 S., geb., € 18,50

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