Neurotisch bis schizophren

Mozarts "La Clemenza di Tito" am Tiroler Landestheater.

Mozarts Oper "La Clemenza di Tito" war in Innsbruck erstmals 1804 zu sehen und seither nie mehr. Nun präsentiert Intendantin Brigitte Fassbaender sie als ihre erste Mozartproduktion mit fulminanten Sängern, denen Regisseur und Ausstatter Peer Boysen zusätzlich zu ihren hohen stimmlichen Leistungen sportliche Kondition abverlangt: Sie rennen, rennen unentwegt, treppauf, treppab über drei schwarze Ebenen, verschwinden, tauchen auf hinter zahllosen Türen, schleudern einander zu Boden. Die Atmosphäre ist hektisch, die Figuren neurotisch bis schizoid, Liebe wird zu Hassliebe, der "gütige" Titus zum unberechenbaren Machtspieler, der nicht recht weiß, was er will, Marwan Shamiyeh hat da seinen großen Auftritt. Die eifersüchtige, über seine Wankelmütigkeit rasend-rabiate Vitellia (brillant: Susanna von der Burg), der zwischen Freundschaft und Hörigkeit verzweifelnde Sesto (hochexpressiv: Anke Vondung), der zarte Annio (Heidi Zehnder), die tapfere Servilia (Susanne Winter) und der komödiantische Bassist Lars Woldt als Publio verkörpern ein Mozartensemble, um das große Bühnen Innsbruck beneiden können.

Gastdirigent Christoph Poppen geht liebevoll auf die Sänger ein und entlockt dem Orchester feine bis martialische Töne, Cembalo und Cello begleiten die Seccorezitative gekonnt, Claudio Büchler sorgt für kraftvolle Chöre. Schade, dass das dauernde Getrappel und ein Überbau die akustischen Freuden etwas trüben. Optisch liefert Boysen jede Menge Symbolik, eine wahre Psycho-Lektion der Zwiespältigkeiten und Seelenklüfte, und über dem "lieto fine" schwebt ein großes Fragezeichen. Nichts ist hier mehr, wie es war.

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