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Feuilleton

Schweigen ist zu wenig Lob

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Giovanni di Lorenzo interviewte für das Zeit-Magazin zu Helmut Schmidts 90. Geburtstag - seine Sekretärin! Und er erzählte ihr, dass er einmal ihren Chef gefragt habe, "ob er auch loben kann". Sie: "Nee!" Der Interviewer: "Er hat mit großer Entschiedenheit Ja gesagt!" Sie: "Lob ist, wenn er gar nichts sagt." An dieser Stelle könnte ich meine Buchbesprechung auch schon wieder schließen und Thomas Chorherr die Genugtuung aufdrängen, er sei für sein jüngstes Buch quasi im Kanzlerstil gelobt worden.

Aber diesen Weg hat der Autor selbst verbaut, als er auf Seite 115 schrieb: "Ich glaube, dass es viel zu viele positive und, pardon, zu wenige negative Kritiken gibt." Freilich ist dieses Urteil vor allem auf Theaterrezensionen sowie Ess- und Trinktempelhymnen gemünzt. Ansonsten geht es Chorherr vor allem darum, der Kargheit des Lobens in vielen Bereichen der Gesellschaft entgegenzuwirken. Aber stimmt die Annahme wirklich, Loben sei generell verpönt? Wird nicht in Managementseminaren seit Jahrzehnten Lob im Standardprogramm geführt? Ist nicht die Kameragier unserer Seitenblicke-Gesellschaft ein einziges Haschen nach lobender Anerkennung, dessen ständige Erhörung Hochglanzseiten und Fernsehzeiten füllt?

Zwischen Lobhudelei und Eigenlob

Chorherrs "Lob des Lobens" lehrt uns zu differenzieren: zwischen Gottes- und Eigen-, Politiker- und Kollegenlob, Lobhudelei und Schmeichelei. Selbst dem meist verachteten Eigenlob wird sein Platz zugewiesen: in Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen - richtig dosiert. Anerkennung ist eine Vorstufe zum Lob. Zumindest diese muss ein Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin im Betriebsalltag spüren - "wortlos anerkannt zu werden, genügt nicht" (S. 46): Das geht Herrn Schmidt in Hamburg an!

Ein weiterer der unübersehbaren Vorzüge dieses Buches ist der sorgfältige Umgang mit Sprache, das Nuancieren und Temperieren von Werturteilen, das Unterscheiden von idealen Zielen und ihrer realen Erreichbarkeit. So wird der Autor zum einfühlsamen Lehrer, der im Alltag zu einer bisweilen durch liebevolle Verschleierung modifizierbaren Wahrhaftigkeit rät. (Beispiel: Auf die Frage, ob der Wein geschmeckt habe, "Er war gut gekühlt" zu sagen, ohne sein Stoppeln zu erwähnen.)

Immer wieder verblüfft die Vielfalt der Assoziationen, denen Chorherr nachgeht: dem Ordenswesen (also staatlichem Lob), dem Totenlob in Nachrufen (ein geheuerter "Nachrufsprecher" der Gemeinde Wien kostet rund 220 Euro), dem "gesponserten Lob" in Reiseberichten oder Autotests, das früher echt "gekauftes Lob" gewesen sei, aber "diese Zeiten sind längst vorbei" (S. 141: Hier komme ich ohne Fragezeichen nicht aus!). Skrupel befallen den Autor (und den Papst), wenn sie an die Bergpredigt denken: "Weh euch, wenn euch alle Menschen loben, denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht!" (Lk. 6, 26) Eine Warnung vor Hybris? Oder könnte man den Wehruf nicht einfach auf loblüsterne Populisten beziehen?

Die bibliophile Ausstattung empfiehlt das vielseitige Buch nicht zuletzt als Geschenkband, dem man eine Kontamination des Inhaltsverzeichnisses zwischen den Seiten 83 und 125 und ein "Memo" statt "Nemo" auf S. 150 gerne nachsieht. Schon wegen des wunderbaren Schlusskapitels zum Österreich-Lob.

Lob des Lobens

Neue Kraft durch Anerkennung

Von Thomas Chorherr Styria Verlag, 2009, 168 Seiten, geb., 1 16,95