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Seinen Platz im Leben finden

Buchtipp von Furche, Stube und Institut für Jugendliteratur

Hier ist etwas sehr Fischiges im Gong. Doch hier wird nicht geschwiegen, hier wird die Lippenpresse ebenso ignoriert wie die Stummheitsmasche. Hier werden die Dinge an- und ausgesprochen, egal, wie ekelwärtig und himmelrufend widerhaft sie sind.

Nun. Der renommierte englische Autor von Literatur für Kinder und Jugendliche weiß auch in dieser Geschichte an die emotionalen und sozialen Bruchstellen kindlichen Erlebens zu blicken - nimmt dabei aber (mit Hilfe der biegsamen Übersetzung von Alexandra Ernst) den Weg der humorigen und leicht skurrilen Schilderung einer kindlichen Biografie: Stanley Potts verlässt das Haus in dem er aufwächst, um dem Fisch-Fabriks-Wahn seines Onkels zu entkommen, dem mittlerweile auch Goldfische zum Opfer gefallen sind, die Stan vor dem sicheren Tod am Jahrmarkt gerettet hat. Stan kehrt also dem toten Fisch und dessen Verwertung den Rücken und wendet sich dem Lebendigen zu. Er schließt sich einem Jahrmarkt an und arbeitet für den Schausteller Dostojewski. Bald jedoch taucht eine wahrlich fischige Legende unter den Jahrmarktleuten auf: Pancho Pirelli. Er ist der Mann, der sich ins Piranha-Becken wagt. Und jener Mann der behauptet, sein Leben lang auf Stanley Potts gewartet zu haben.

Jahrmarkt als Sinnbild

Es ist eine ganz neue Form der Zugehörigkeit, die Stanley durch Pancho Pirelli und das kuriose Trüppchen der Schausteller erfährt. Sie alle, die als Freaks gelten, verkörpern jene schlichten Notwendigkeiten, auf denen das Leben an sich fußt: Zuneigung, Vertrauen, Freundschaft, Loyalität. Der Jahrmarkt selbst wird dabei zum Jahrmarkt des Lebens; hier gilt es zu lernen, dass wir die Dinge an manchen Tagen deutlicher sehen als an anderen, und dass der Sprung ins Piranha-Becken nichts anderes bedeutet als die Konfrontation mit dem inneren Piranha. Jeder Mensch, auf den man trifft, wird dabei zum Teil von einem selbst und mit jedem dieser Zusammentreffen eröffnet sich eine Fülle an Möglichkeiten, wie das Leben weiter verläuft. David Almond bezieht diese Vielfalt an Möglichkeiten in sein Erzählen ein, spricht seine Leserinnen und Leser direkt an ("Was würdet ihr tun?“), stellt ihnen frei, über den Verlauf des Erzählens letztlich selbst zu entscheiden. Wie schon in "Mina“ wendet er sich an ein kindlicheres Publikum und reflektiert den Versuch, ins Leben zu finden, als Versuch, zur Sprache zu finden. Wichtig dabei ist es ihm, den Blick auf das Ganze nicht zu verlieren, stets einen Schritt hinter das eigene Erleben (und Erzählen) zurückzutreten und die Vogelperspektive auf eine ganz und gar fischige Welt zu wahren.

Der Junge, der mit den Piranhas schwamm

Von David Almond, Illustrationen von Oliver Jeffers, Ravensburger 2014.

256 Seiten, geb., e 15,50

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